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Myanmar – Der Blick aus dem Fenster

Nov 23, 2016

Habe das Rentner-Reisen für mich entdeckt: Rein in den Bus, Glotzen, raus aus dem Bus, weiter Glotzen, Essen, Schlafen, rein in den Bus usw.

Nur weiß ich nie genau, ob die Busfahrt stattfindet oder nicht. Alles ausgebucht – das ganze Land ist unterwegs zu Fullmoon- oder Ballon-Festivals.

Glücklich der, der einen Nachtbus ergattert. Dieses Fortbewegungsmittel hat jedoch die Eigenart, sein Ziel mitunter zwischen zwei und fünf Uhr morgens zu erreichen. Da macht man sich gleich Freunde, wenn man die Gastleute um diese Zeit aus dem Schlaf reißen und darum bitten muss, die nächsten fünf Stunden wenigstens auf einer Holzpritsche verbringen zu dürfen.

Ansonsten bleibt alles wie gehabt: Man denke sich einen breitbeinig neben oder vielmehr auf mir sitzenden Joker dazu – so sieht der Hardcore-Betelnuss-Speier mit seinem rot umrandeten Mund halt aus. Nebenher das übliche Rumpeln plus Dauerhupen und die meist ohrenbetäubende musikalische oder filmische Untermalung. In den Fernsehdramen dieses Landes wird ausgiebig durcheinander geschrieen, geweint und gezetert, wobei die eliminierten Kuss- und Sexszenen ebenso wie die penibel geblurrten Dekolletés der Fantasie des Zuschauers überlassen bleiben. Das hindert den ganzen Bus aber nicht am kollektiven Mitfiebern. Überhaupt scheint es sich bei hiesigen Serien um eine Art sozialen Klebstoff zu handeln. „Public Viewing“ kennt man hier schon längst, die Straßenlokale sind oft gerammelt voll konzentrierter Seriengucker. Und wehe dem hungrigen Touristen, der dann stört!

Für jene, die mir statt dem Nacht- einen Tagbus ans Herz legen wollen, habe ich nur ein – im wahrsten Sinne – müdes Lächeln übrig. Ich hole jetzt nicht weiter aus. So ist es eben, wenn man sich vorgenommen hat, alle Festlandreisen auch tatsächlich über Land zurück zu legen.

Wechsle ich doch das Verkehrsmittel. Wozu gibt es Züge? Sie sind noch langsamer als die Busse. Was soll’s, ich bin nicht hier, um es eilig zu haben. Auch dort fehlt es nicht an der entsprechenden Geräuschkulisse. Statt gehupt wird hier getrötet, was das Zeug hält (siehe Soundbeispiel).

Jede Unterhaltung unmöglich. Aber wer braucht schon Ohren, ich will was sehen. Dafür bedarf es, solange man nicht „Upper Class“ fährt (was ich natürlich nicht tue, wäre sonst ja langweilig) noch nicht mal eines Blickes aus dem Fenster: Marktfrauen beim Portionieren von Gemüsebergen, Straßenhändler beim Zubereiten ihrer kulinarischen Spezialitäten, Polizisten beim Trocknen ihrer Klamotten (derer sie sich zuvor entledigt haben versteht sich), Männer beim Knipsen der Nägel ihrer wohlgeformten Zehen.

Ich muss das so betonen, da die Menschen hier über eine beneidenswert ansehnliche Fußanatomie verfügen. Nicht so wie bei uns, wo der deformierte Fuß so weit in der Gesellschaft angekommen ist, dass ihn selbst Schauspielerinnen und Models ganz ungeniert in die Kamera halten. Dieses Land – auch die Polizei – trägt Flip-Flops oder gar kein Schuhwerk und damit vermutlich zu einer verschwindend geringen Hallux- und dergleichen OP-Rate bei.

Trotzdem. In diesem Leben wird aus mir kein Barfüßler mehr. Jeder einzelne Schritt kostet mich Überwindung. Prompt reiße ich mir in einer dieser Höhlenpagoden, in der es von Fledermäusen nur so wimmelt, die Fußsohle auf. Die Wunde strotzt vor Fledermauskacke. Die Erinnerung an das Atemberaubende der kathedralenartigen Höhle droht von der Vorstellung, mich mit einem amputierten Fuß auf dem Rücktransport nach Hause zu befinden, zersetzt zu werden.

Auch die Autofahrten bleiben lehrreich.  Z.B. weiß ich jetzt, dass ich im Falle eines blinkenden „Motor kaputt“-Zeichens künftig in aller Ruhe wahrscheinlich bis zum Sankt Nimmerleinstag weiterfahren kann. Wer hat gesagt, dass ich sofort stehen bleiben und mich in die nächste Werkstatt schleppen lassen muss? Hier fährt so ziemlich jedes zweite Taxi so rum.

Wenn ich mich am Innenleben des jeweiligen Gefährts satt gesehen habe, ist es an der Zeit, aus dem Fenster zu schauen. Als Zwischenmaßnahme empfiehlt es sich, Armut, Berge an Dreck, Müll, Plastik (dazu trägt der Tourismus leider sehr bei) und sonstiger Umweltverschmutzung auszublenden. Dann offenbaren sich tolle Landschaften, die jeder leidlich begabte Poet besser beschreiben kann als ich.

Und überall sieht man, wie die Leute ihr ungemein fruchtbares Land bestellen – neben dem obligatorischen Reis gibt es alles, was man sich an Obst und Gemüse wünschen kann. So muss es bei uns im angehenden 20. Jahrhundert ausgesehen haben. Anzahl der gesichteten Traktoren: Null. Hier wird alles per Hand oder Ochsenkarren erledigt. Außer der Landwirtschaft prägt das Handwerk das Bild des Landes.

Manch einer verfällt da in so eine komische Romantik. Man sei ja viel zu spät dran mit Myanmar. Wofür? Um sich an der Exotik des „Rückständigen“ aufzugeilen und diesen Menschen den Anspruch auf die – ja, ok, natürlich nicht nur positiven – Entwicklungen der „Moderne“ zu verweigern? Spätestens beim Anblick der vielen schwer arbeitenden Kinder muss einem bei so viel Blasiertheit schlecht werden.

Schlecht wird einem auch angesichts des Raubbaus an den Teakwäldern. Oder angesichts des unregulierten, von Korruption zersetzten Abbaus von Bodenschätzen und dessen Folgen für Umwelt, Land und Leute. Während sich eine „Mafia aus Politik und Militär … die Taschen voll“ macht (so sagt das FAZ.de vom 4.3.16), sind die in den abgeholzten Wäldern lebenden Tiger sowie die in den vergifteten Seen und Flüssen lebenden Delphine jetzt vom Aussterben bedroht. Und die Minenleute sind zum Teil zu (Zwangs-) Arbeiten unter unmenschlichen Bedingungen verdonnert.

Letzteres habe ich mir übrigens nur angelesen oder von Locals erzählen lassen. Mal abgesehen von der Umweltverschmutzung bekommt man von all dem nichts mit. Große Teile des Landes sind für den Touristen noch immer gesperrt. Dabei gäbe es noch so viel mehr zu entdecken. An Schrecklichem aber eben auch an Wunderschönem. Per Bus, Bahn, Boot oder wie auch immer.

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