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Des Nächtens in Peru I

Jun 22, 2017

Man kann mir wirklich nicht vorwerfen, auf der faulen Haut zu liegen.

Auch wenn die wenigsten der Betten, in denen ich seit Monaten meine Nächte verbringe, zum längeren Verweilen einladen, klingelt der Wecker viel zu oft früher als mir lieb ist.

Das war bisher aber alles noch gar nichts im Vergleich zur Nachtaktivität peruanischer Tourplaner:

03:00 Uhr morgens: Aufbruch zu einem dreitägigen Trek in den Colca Canyon. Die einen sagen, es sei der tiefste Canyon Welt, andere sagen, der zweittiefste. Keine Ahnung, was stimmt, ich finde nur Widersprüchliches, und Lonely Planet hat vermutlich einfach abgeschrieben, was das peruanische Tourismusamt behauptet. 3300 Meter Tiefe klingen jedenfalls nicht unbeeindruckend.

Eigentlich wollte ich in einen anderen, weniger besuchten und – manch einer meint, man ahnt es – noch tieferen Canyon; der ist aber aufgrund von Erdrutschen nicht erreichbar.

Des Nächtens reihen wir uns also in eine Schlange aus Kleintransportern voller Touristen, die über Stunden vorbeikriecht an einer ganz und gar ungewöhnlichen Landschaft: In die Hänge der Berge von 5000 bis 6000 Metern Höhe schmiegen sich Anbauterrassen, die vom Boden bis zur letzten Terrasse durchaus tausend Meter erreichen können. Sie wurden vor bis zu 3000 Jahren von indigenen Völkern geschaffen, später von den Inkas übernommen und ausgebaut und werden noch heute bewirtschaftet.

Über ein ausgeklügeltes Bewässerungs- und Kultivierungssystem lässt sich von der Kartoffel über Bohnen bis Mais und Quinoa alles Mögliche anbauen. Selbst im Falle extremer Wetterlagen ist die Ernte gesichert, bei Überschwemmungen im Tal bleibt die Zucht auf den Terrassen, bei Frost in den Terrassen, hat man immer noch die Produkte des Talbodens.

Die Ernten waren schon zu Inkazeiten so ergiebig, dass die Überschüsse in kleine Höhlen, den sogenannten Qolqas (daher der Name des Canyons) gelagert wurden.

(All das sehe ich natürlich erst bei der Rückfahrt, denn noch ist es ja dunkel…)

Der Grund für das frühe Aufstehen ist ein Vogel. Am “Kreuz des Kondors” schwingen sich ein Haufen dieser wirklich imposant großen (gehören zu den größten Vögeln der Welt) Vögel auf, um am Canyonrand zu kreisen. Wir müssen rechzeitig dort sein, denn das Ganze passiert nur zwischen acht und zehn Uhr morgens, wenn die Thermik am besten ist. Ich bin echt kein Vogelfan, aber das fasziniert sogar mich.

Der Kondor (oder zu Trivialdeutsch: Geier) frisst eigentlich nur Aas. Man liest jedoch, er könne durchaus auch Kühe, Ziegen oder Schafe mit seinem gewaltigen Flügelschlag zum Absturz treiben, um sich hinterher über das tote Tier her zu machen.

So viel Bosheit haben die Andenvölker sicher nicht im Kopf, wenn sie an den Kondor denken. In ihrer Vorstellung ist der Kondor ein Symbol für die Sonne, er gilt als Mittler zur himmlischen Sphäre. (Der Puma wiederum repräsentiert das irdische Dasein und die Schlange die Unterwelt.)

Der Canyon selbst ist im Vergleich zum Vorher- oder eben Nachhergesehenen wenig beeindruckend.

Dafür bin ich ein bisschen in unseren Guide Patricio verliebt. Er ist 65, geht mir bis zur Brust und scheucht uns frühmorgens um fünf Uhr aus dem Bett. Aber er hat Format, geht mit Strohhut, in weißem Hemd und Pollunder, den er abwechselnd über und unter dem Hemd trägt, auf dreitägige Wanderschaft.

Unterwegs füttert er uns mit am Wegesrand befindlichen, mir unbekannten Früchten. Dabei stoße ich auf eine kulinarische Offenbarung. Es kann sein, dass sie mir schon auf gut sortierten heimischen Märkten begegnet ist, ich aber aufgrund von Unkenntnis ob ihrer Verzehrart immer eine respektvolle Distanz eingehalten habe. Es ist die Grenadilla. Sie gehört zur Gattung der Passionsfrucht, ist sozusagen die süße Schwester der sauren Maracuja. Man schlägt sie auf wie ein Ei und schlürft sie. Köstlich!

Glücklicherweise finde ich sie auch in Arequipa, wohin ich nach dem Trek zurückkehre. Arequipa liegt umgeben von drei knapp bzw. mehr als 6000 Meter hohen Vulkanen: Elegant erhebt sich über der Stadt die konische Form des El Misti (Der Gentleman), der der Legende nach ein Mann sein soll. Sozusagen gleich um’s Eck wohnt ein anderer Mann, der Vulkan Pichu Pichu (Der Gipfel Gipfel), der sich wiederum in die “Nachbarbergin” Chachani (Die Angebetete) verliebt haben soll. Das Luder entscheidet sich jedoch für El Misti. Pichu Pichus unzählige Tränen ergossen sich in eine Lagune, die sich an seinem Gipfel befindet.

Und so turteln am Horizont von Arequipa die beiden Liebenden miteinander, während der Verschmähte deren Treiben aus der Ferne eifersüchtig beobachtet.

Nicht alles ist Kitsch, was aus Arequipa, der “weißen Stadt, kommt. Dieser Beiname rührt nicht etwa, wie überall zu lesen ist, von den das Stadtbild prägenden Kolonialbauten, die aus weißem Vulkangestein (soll besonders gut die Sonne reflektieren und so die Hitze aus den Häusern halten) gemacht sind, das noch heute in Steinbrüchen von zehn- bis über achtzigjährigen (!) Arbeitern abgebaut wird. Nein, der Grund ist die Vertreibung der indigenen Bevölkerung aus der Stadt hinaus ins Umland durch die spanischen Konquistadoren.

Die Reichen unter Letzteren haben übrigens ihre Töchter – im Kindesalter – in ein in seiner Art einzigartiges Kloster gesteckt. Hinter den Mauern des Kloster Santa Catalina verbirgt sich eine stadtähnliche Anlage, in denen die Nonnen zwar für immer völlig abgeschottet von der Außenwelt blieben, zugleich aber bedient von einer Heerschaft an Dienstboten ein beinahe ausschweifendes Leben führten.

Exzessiv leben: ja. Schmutzig denken: nein. Um sich von schlechtem Gedankengut (was auch immer man sich daruner vorstellen darf) reinzuwaschen, sah das klösterliche Curriculum ein regelmäßiges Ganzkörperbad in eiskaltem Wasser vor. Meiner Meinung nach macht ja nur heißes Wasser richtig sauber. Aber ich muss nicht alles verstehen.

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