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Swasiland

Sep 13, 2017

„Ah – they are good, they are not hungry“ höre ich die Süßholz raspelnde Stimme einer Belgierin sagen, die mit uns am Straßenrand auf den Transfer zu unserer Unterkunft wartet.

Währenddessen hüpfen bestimmt zwanzig Kinder um uns herum. Und sie wollen natürlich was zu essen! Aber unsere Lodge wies uns an, die bettelnden Kinder zu ignorieren.

Ich hadere trotzdem, handle mir oben erwähnten Kommentar ein und bin verblüfft, mit welcher Attitüde so mancher durch die Gegend reist: von einem Gamereserve zum anderen, um sich auf der Safari direkt vor den Löwen kutschieren, hernach feuchte Waschlappen reichen, ein Fünf-Gänge-Menü servieren und das angewärmte Bett aufschlagen zu lassen. Wer will, kann auf diese Weise die Lebenswirklichkeit eines Landes wunderbar ausblenden.

Lebenswirklichkeit, das heißt in diesem Fall: eine durchschnittliche Lebenserwartung von 51 Jahren, unter anderem geschuldet der weltweit höchsten HIV-Rate, in der letzten absoluten Monarchie Afrikas.

Inzwischen bolzt mein Reisepartner mit den Jungs einen Ball durch die Gegend, die Mädchen sind an mir interessiert. Und ich an ihnen. Ich quetsche sie nach allem Möglichen aus. Während sie sich untereinander eine lebende Maus hin- und herwerfen, berichten sie von ihrem täglichen Schulweg: morgens um sechs zwei Stunden hin, nachmittags um vier zwei Stunden zurück. Zu Fuß. Trotzdem reicht ihre Energie, um für mich zu singen und zu tanzen.

Ich bin unsicher, vielleicht erzählen sie mir einen vom Pferd, um doch was Essbares rauszuschlagen. Sie sehen auch tatsächlich nicht so aus als wären sie kurz vorm Verhungern. Letzten Endes ist mir das aber egal. Müssen sich diese Kinder erst durch einen bevorstehenden Hungertod qualifizieren?

Ich öffne also den Kofferraum, rechne aber nicht damit, dass plötzlich Schluss mit Fußball und Singen ist, und gefühlt vierzig Hände nach etwas grapschen. Mann – so war das nicht gemeint!

Ich ziehe irgendwas aus unserer Fresstüte raus, um den Deckel nur schnell wieder zuschlagen zu können. Die Kinder ziehen futternd von dannen. Immerhin: sie machen die Beute nicht zu Geld oder investieren sie gar in Drogen (soll vorkommen).

Endlich taucht unser Ranger auf und bringt uns in den Busch. Als ich den feuchten Waschlappen entgegen nehme, wird mir erst bewusst, dass wir eines dieser Game-Reserves gebucht haben, über deren Besucher ich gerade noch gelästert habe.

Und ich gebe zu: es ist einfach nur himmlisch! Wir werden zu unserem halboffenen Stein-Cottage gebracht, die Toilette ist inklusive Aussicht auf Affen, Impalas und Kudus, die obligatorische Wärmflasche liegt bereits unter der Decke. Vor den Affen allerdings gilt es, alles Glitzernde wie Handy, Brillen oder Autoschlüssel in Sicherheit zu bringen.

Tatsächlich klaut später ein Affe sämtliche Dekokirschen vom Dessert – so schnell kann man gar nicht gucken.

Inzwischen ist es dunkel, es gibt keine Elektrizität, die Lodge, unser Cottage und sämtliche Wege sind mit Öllampen beleuchtet. Sowas von romantisch.

Das Mkhaya Game Reserve hat es sich zur Aufgabe gemacht, weiße und die noch viel selteneren schwarzen Nashörner sowie Elefanten (yeah – endlich!!!??) vor dem Aussterben zu schützen.

Unsere Game Drives sind auch wirklich ein (vor allem Nashorn-mäßiges) Highlight. Unser Bushwalk – oder besser -run – toppt jedoch jeden Drive. Der Ranger möchte uns was bieten und rast mit uns zu Fuß zweieinhalb Stunden durch Hitze und Buschwerk. Zur geräuschlosen Verständigung bringt er uns ein paar Zeichen bei, falls es brenzlig werden sollte. Wir kommen den Nashörnern so nahe, dass ich den Atem anhalte. Sie sehen schlecht, können dafür außerordentlich gut hören und riechen. Also bloß nicht falsch in den Wind stellen.

Wir gehen in die Hocke und beobachten diese so unglaublich urzeitlich (ihre Entwicklubgsgeschichte beginnt vor 50 Millionen Jahren) wirkenden Tiere aus allernächster Nähe. Ich finde es lustig, wie sie mit ihren spitzen, leicht behaarten Ohren wackeln. Ich wundere mich auch über die großen Haufen, die sie machen, und die ich aufgrund ihrer schieren Größe für die Hinterlassenschaften von Elefanten gehalten habe. Nashörner bevorzugen zum Zwecke der Reviermarkierung auf bereits existierende Haufen zu machen, bevor sie Teile davon mit den Füßen durch die Gegend katapultieren.

Aber die Haufen sind nicht einfach nur Haufen, sie dienen als eine Art Informationszentrale bezüglich Geschlecht, Alter und Paarungswilligkeit. Bullen zum Beispiel, die einen Rivalen im Kot gewittert haben, kommen immer wieder zum Haufen zurück, um zu schauen, ob sich der Eindringling bewegt hat. Ist ein Weibchen unter den Kontribuenten, versuchen sie, dessen Paarungsbereitschaft zu erschnüffeln.

Prompt haben die von uns beobachteten Exemplare Wind von uns bekommen. Die Vögel, die auf den Nashörnern sitzen und Parasiten picken, sind zugleich die Alarmanlage des Nashorns. Sobald Gefahr (also wir) in Verzug ist, flattern sie aufgeregt durch die Gegend. Unruhe kommt auf. Ich kann mir gar nicht vorstellen, dass es diese Kolosse auf 45km/h bringen, wenn sie sich erstmal in Bewegung gesetzt haben! Wir schauen, dass wir uns unauffällig vom Acker machen.

Außer uns Menschen hat das Nashorn kaum Feinde. Weil es in China und Vietnam noch immer so viele Schwachmaten gibt, die glauben, dass Nashornpulver ein Wundermittel ist, ist das Nashorn aufgrund von Wilderei noch immer vom Aussterben bedroht. Nashorn-Horn verkauft sich teurer als Gold!

Die Jagd wird immer professioneller (wenn man das so sagen kann). Schwerst bewaffnete Banden brechen bevorzugt nachts, ausgestattet mit Nachtsichtgeräten, in die Parks (inzwischen sogar in europäische Zoos, Universitäten und Museen) ein, um die Tiere brutalst zu enthornen.

Was können da ein paar Wachmänner, die durch die Parks steifen, schon ausrichten? „One must die“, erklären sie. Heißt: der Wilderer fackelt nicht lang und schießt – es sei denn der Wildhüter ist schneller…

Ich frage mich gerade, wie viele deutsche TCM-Behandelte, die Hunderte von Euros in ihre Mittelchen stecken, zur Ausrottung dieser Spezies beitragen, ohne es zu wissen…

Über den ganzen Nashörnern habe ich die Elefanten, auf die ich doch so scharf bin, völlig vergessen. Aber die sind hier eh nicht mehr anzutreffen – ihnen ist das Reserve zu klein geworden, so dass sie ins nächste weiter gezogen sind, erklärt mir der Ranger lapidar.

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