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Bolivien – hoch, kalt, salzig

Mai 22, 2017

Meine stiefmütterliche Betrachtung Boliviens als Transitland, durch das ich halt durch muss, beschämt mich etwas.

Vielleicht spüren das die Bolivianer. Sie gehören nicht gerade zur redseligsten Spezies. Wobei Highlander schroffer gelten als Lowlander. Natürlich…

Ich lasse mich davon nicht abschrecken und bleibe Letzteren bzw. der Höhe treu. Ich bewege mich durch den Altiplano (das ist eine Hochebene auf durchschnittlich 3600 Metern zwischen den Ost- und den Westanden) von Süden nach Norden. Kein Ende des trockenen Klimas mit seinen kalten Nächten – statt Heizung gibt es dicke Decken, die so schwer sind, dass sich die Füße darunter nicht aufrichten lassen – in Sicht. Meine inzwischen fischschuppenähnliche Haut und meine aufgesprungenen Lippen werden mir das nicht verzeihen. Da kann ich noch so viel cremen.

Ich starte mit einer mehrtätigen Jeep-Tour, die mich definitiv für ein Esperanto-Zertifikat qualifiziert: Auf der Fahrt werden Spanisch, Englisch, Französisch und Deutsch wild durcheinander gesprochen. Währenddessen geht es vorbei an flauschigen, zur Familie der Kamele gehörenden Alpakas, Lamas, Vicunjas und Guanakos (wer sich einen Pulli kaufen will: ich weiß jetzt alles über Fellbeschaffenheit und Preisstruktur), an Lagunen aller Couleur, an Gebirgen, die sich so weit das Auge reicht hinter-, vor-, über- und nebeneinander stapeln.

Ziel der Tour ist die Salar de Uyuni, die weltweit größte Salzwüste, deren Salzkruste durch die Austrocknung eines Sees vor über 10.000 Jahren entstanden und an einigen Stellen bis zu dreißig Metern dick ist. Sieht aus wie eine unendlich große weiß-blaue Eisfläche, die irgendwo mit dem Horizont verschmilzt. In der Regenzeit, wenn zentimeterhoch Wasser auf der Salzfläche liegt, entwickelt sich die Wüste in den größten Spiegel der Welt.

Hier leben quasi keine Lebewesen. Abgesehen von Unmengen an zum Teil meterhohen, über 1200 Jahre alten Kakteen auf einer Insel inmitten der Wüste. Ach ja. Und abgesehen von uns Touristen, die sich morgens um vier aus den Betten ihres Salzhotels (man könnte theoretisch an den Wänden lecken) quälen, um rechtzeitig zum Sonnenaufgang auf besagtem weißen, ins Nichts führenden Hintergrund wild durch die Gegend zu hampeln und möglichst originelle Fotos zu schießen. Wie praktisch, dass so ziemlich jeder einigermaßen dämlich dabei aussieht. Es ist so kalt und windig, dass man den kompletten Inhalt seines idealerweise gut ausgestatteten Rucksacks auftragen muss.

Ich würde so gerne weiter mit dem Jeep durch die Gegend heizen, aber es hilft ja nichts, irgendwann ist die Tour zu Ende und es geht wieder in den altbekannten Bus, der sich auf dem Weg weiter Richtung Norden durch noch mehr Gebirge schlängelt. Ich komme mit den ganzen Farben nicht mehr hinterher. Von beinahe giftigem Grün bis kargem Braun – dazwischen tatsächlich weiße Sanddünen! – ist alles dabei.

Bolivien haut mich echt um. Nur zum legendären Titicaca-See unterhalte ich ein gespaltenes Verhältnis. Während man sich dem See von oben über die Serpentinenstraße nähert, macht er noch etwas her. Sobald ich aber stundenlang in einem unbequemen Bötchen auf ihm herumschippere, um zu einer seiner Inseln zu gelangen, wünsche ich mich zurück auf einen der guten alten bayerischen Seen, von denen keiner den landschaftlichen Vergleich zu scheuen braucht (und auf deren Schiffen man sich immerhin mit Prosecco betrinken kann). Nebenbei müsste ich mich dort nicht über schwerste Verschmutzungen durch Abwässer und Schwermetalle aus illegalen Minen aufregen.

Das, was den See so berühmt macht, ist sicherlich die Tatsache seiner schieren Größe (15,5 mal so groß wie der Bodensee) und der Höhe, auf der er liegt (mehr als 3800 Meter).

Der See hält dann aber doch noch eine Überraschung für mich bereit. Durch die Sonneneinstrahlung in dieser Höhe glitzert das Wasser wie ein Meer aus Swarovski-Steinen. Und am Abend schaue ich aus meinem Panorama-Fenster über den See in den Horizont, wo über Stunden ein orange-rotes Gewitter nieder geht. Wo bitte gibt es das denn?

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