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Botswana

Okt 19, 2017

Wir stecken fest. Unser Auto: eingegraben in diesem elend hohen Sand, irgendwo im Chobe Nationalpark, wo einem nicht wirklich viele Menschen begegnen. Schon gar nicht kurz vor Sonnenuntergang, kurz bevor der Park seine Tore schließt.

Ich habe einen Schweißausbruch. Was nicht nur am Schaufeln liegt. Wir sind mitten im Busch (= perfektes Löwenterrain). Während Marie nach möglichen tierischen Angreifern Ausschau hält, versuche ich, die Reifen auszubuddeln, nur um der Sinnlosigkeit des Unterfangens gewahr zu werden: Das nicht gerade niedrig konstruierte Auto sitzt auf einem Berg von Sand, je mehr ich schaufle, desto mehr kommt nach.

Vor meinem inneren Auge laufen die letzten Tage nochmal ab: Vielleicht hätten wir auf all die Zeichen hören und um Botswana einen Bogen machen sollen? Aber ich habe mich so auf dieses Land gefreut! Ein Traum für Safaris, grandioses Wildlife, im Vergleich zu anderen Ländern des südlichen Afrikas wirtschaftlich erfolgreich – jeder, wirklich jeder, schwärmt von Botswana.

Doch die Scherereien gehen schon mit den Buchungen los. Wir sind an Vorabbuchungen nicht gewöhnt, in botswanische Nationalparks kommt man aber ohne vorherige Reservierung einer Unterkunft gar nicht erst rein. Auf unsere Mailanfragen bekommen wir keine Antwort. Und wenn – nur Absagen. Dann eben telefonisch, mangels ordentlichen WiFis unter erschwerten Bedingungen.

Die Dame am anderen Ende der Leitung: „18 oder 19?“
Ich: „Nein, wie gesagt: der 15./16.!!“
Sie: „18 oder 19?“
„NEIN!!“, schreie ich. „15./16.“

So geht es ein paar Mal hin und her, bis ich kapiere, dass von den Jahren 2018 oder 19 die Rede ist. What??? Wir haben dann doch Glück und ergattern ein paar Nächte auf einigen Campingplätzen (dass wir von genau diesen kurz zuvor schriftliche Absagen erhalten haben, muss man nicht verstehen).

Wir machen uns also auf zur botswanischen Grenze,  wo wir einen schnellen und unbürokratischen Übergang erwarten. Haha… Es ist wieder mal so: Leute, die tagtäglich nichts anderes tun, sind mit der Bearbeitung unserer Papiere überfordert. Dazu weiß der Eine nicht, was der Andere tut, das Ganze in Doppel- und Dreifachstrukturen. Als wir den Irrsinn überstanden haben und endlich über die Grenze wollen, erfährt das Unternehmen „Botswana“ einen neuen Dämpfer.  Einfuhrverbot für Obst und Gemüse!? Von dieser Regel haben wir noch nie gehört. „Ist neu“, heißt es.

Eigentlich sind wir noch voll vom Mittagessen. Trotzdem stopfen wir uns – zwischen Schlagbaum und vergammelten Maul- und Klauenseuche-„Desinfektions“-(da kann ich nur lachen-)Matten – Birnen, Orangen und alles, worum es uns besonders leid tut, rein. Unwürdig ist das.

Dann fahren wir nach Kasane, dem Einfallstor zum Chobe Nationalpark. Nach all den Wochen, die wir meist alleine auf Campingplätzen verbracht haben, ist hier alles restlos ausgebucht. Kein Campingplatz, keine Lodge, keine Zimmer, nichts. Es ist schon dunkel und wir finden uns damit ab, am Straßenrand unsere Zelte aufzuschlagen, da findet sich doch noch ein Platz.

Anderntags kommen wir vom Boot aus Monster-Krokodilen, Nilpferden und nochmal unendlich vielen Elefanten so nahe wie noch nie. Überhaupt, ich hätte nicht geglaubt, dass es eine „elefantöse“ Steigerung zum bisher Gesehenen geben könnte. Aber in Kasane hört man die Elefanten nachts trompeten; sogar auf stinknormalen Straßen stehen sie rum. Ach, Botswana ist doch gar nicht so übel. Oder?

In meinem Posteingang befindet sich eine dubiose Mail, die uns daran zweifeln lässt, ob unsere Campingplatzbuchungen wirklich erfolgt sind. Wir könnten im Büro des Anbieters in Kasane nachfragen. Wenn die dort groß angeschlagenen Öffnungszeiten nicht Makulatur wären und wir nicht viermal vor verschlossenen Türen stünden. Überflüssig zu sagen, dass unter den angegebenen Telefonnummern keiner zu erreichen ist. African style.

An dem Tag, an dem wir früh (Sonnenaufgang ist eine gute Zeit für’s Wildlife-Spotting) in den Park wollen, ist es nicht anders. Wir warten, warten. Und kotzen. Statt um sechs Uhr kreuzt gegen neun jemand auf. Ganz gemächlich. Wenigstens geht mit den Buchungen alles klar und wir können in den Chobe Park. Alles, was man über den Park liest und hört, ist eine Aneinanderreihung von Superlativen. Hier soll es so ziemlich alles an Wildtieren geben, was man sich nur vorstellen kann – und dazu auch noch in großer Zahl.

Nur wir, wir sehen den ganzen Tag lang: nichts. Außer Sand. In dem wir noch immer feststecken. An einem Ort, an den die meisten mit dem Flugzeug reisen, weil ihnen die Anfahrt zu krass ist.

Der strenge Geruch von Katzenkacke steigt mir in die Nase und erinnert mich an die Sandkastenbuddeleien meiner Kindheit. Auch die brachten in aller Regelmäßigkeit stinkendes Schwarz zu Tage. Nur dass der Urheber dieses Mal ein paar Nummern größer als eine Hauskatze sein dürfte.

Wir stecken unser Feuerholz unter die Räder. Bringt nichts. Der Park macht in zehn Minuten seine Tore dicht, es dämmert. Wir sind zwar nur einen Kilometer von unserem Campingplatz entfernt, aber trotzdem am Arsch der Welt. Mit Hilfe ist für heute nicht mehr zu rechnen. Um uns für die Nacht zu rüsten, werfen wir alle Notwendigkeiten auf die Rückbank, holen die Weinflasche aus dem Kühlschrank (der Hunger ist uns vergangen) – da hören wir tatsächlich Motorengeräusche! Schnell schmeiße ich den Wein zurück ins Auto (jemand könnte denken, wir hätten in dieser Lage nichts Besseres zu tun als uns zu besaufen). Nicht ohne gewissenhaft aus dem Fenster zu schauen und sich mehrfach umzudrehen, steigen zwei Park Officials aus dem Auto.

„How bad is it?“ „Ich würde sagen, das hängt davon ab, wie tief tief ist??“ Einer fängt an zu schaufeln. Als ich sehe, wie viel er wegschaufelt im Vergleich zu mir, sehne ich mich erstmals auf dieser Reise so richtig nach einem Mann an meiner Seite. Aber es kommt noch besser. Ein weiteres, lautes Motorengeräusch nähert sich: ein Truck voller junger, dynamischer Militärs biegt um die Kurve. Die Jungs mähen durch’s Gebüsch, setzen sich vor uns und ziehen uns raus. So schnell geht das.

Zurück auf unserem wunderschön am Linyanti-Fluss gelegenen Campingplatz sehen wir gerade noch die letzten Ausläufer des tiefrot verfärbten Himmels. Alles, was jetzt folgt, muss schnell gehen, denn dieser Campingplatz ist – ebenso wenig wie alle künftigen – nicht umzäunt. (Damit lassen sich auch die Löwenspuren auf unserem Stellplatz erklären. Schluck…) Zum Runterkommen, so viel Zeit muss sein, schütten wir den bereit liegenden Wein in uns hinein, schmeißen das Feuer an (nach wie vor leichter gesagt als getan) und machen uns an die Zubereitung des Abendessens. Das Feuer dient nicht nur zum Kochen, es soll uns auch die Tiere vom Leib halten.

Mit der Dunkelheit kommen die Geräusche. Permanentes Rascheln, das von der Maus bis zur Hyäne von allem möglichen Getier stammen könnte. Eines lässt sich jedenfalls mit Sicherheit zuordnen: die nachtaktiven Hippos fangen gerade an, durch das seichte Wasser zu waten. Sie pflegen einen außerordentlich territorialen Lebensstil, sind dazu noch unberechenbar aggressiv – 500 Tote gehen im Jahr auf das Konto ausrastender Hippos. Ich gebe also Gas mit dem Gemüseschnippeln, da kommt eines direkt zu uns hoch gestapft. Es klingt jedenfalls so. Wir sehen ja nichts. Wann ist dieser Tag endlich zu Ende…?

Ich mache einen Satz in den Kofferraum, wo das Essen zähneklappernd fertig zubereitet und schleunigst runter geschlungen wird. Wir schauen, dass wir ins Zelt kommen, nicht ohne eine Tagesration Wasser und ein paar Notkekse auf dem Dach zwischen den Zelten zu deponieren. Man weiß nie, was einen am nächsten Morgen erwartet. Löwen sind faul und liegen gerne einen ganzen Tag lang an ein- und derselben Stelle herum.

Um ein Haar übersehen wir, dass sich einer der besten Sternenhimmel ever über uns beugt. Über dem Grunzen und Herumwaten der Hippos schlafe ich fix und fertig ein.

Durch den Sand kämpfen wir uns weiter (ich habe jetzt den Knopf für den Power-Mode entdeckt, so dass die Sache ab und an sogar Spaß macht) ins berühmte Okovango-Delta. Normalsterblichen und  Selbstfahrern bleibt das eigentliche Delta, in das man nur mit einem Flugzeug und einem sehr, sehr dicken Geldbeutel kommt, vorenthalten. Für uns ist lediglich ein Teil, das Moremi Game Reserve zugänglich.

Wir stellen nicht zum ersten Mal fest, dass Botswana seine Offensive gegen den kostensensiblen Individualtouristen gnadenlos durchzieht. Die Parks sind sagenhaft schlecht bis überhaupt nicht ausgeschildert. Besonders unangenehm, wenn sich plötzlich ein Weg in bis zu vier Spuren aufspaltet, die sich früher oder später gerne auch im Nichts verlieren; und die weder auf der physischen Karte, noch in zwei verschiedenen Navigationssystemen zu finden sind. Das bei meinem mangelnden Orientierungssinn. Plus meiner fast schon an eine Angstneurose grenzenden Panik, verloren zu gehen.

Plötzlich kommen wir an einen Fluss. Wenn die Karte ausnahmsweise richtig sein sollte, müssen wir da jetzt durch. Ich habe so eine Ahnung, dass ich erst ganz am Anfang meiner Ausbildung zur Off-road-Fahrerin bin. Wir haben keines dieser Unterwasser-Auspuff-Rohre und dazu keinen Schimmer, von welcher Tiefe und Beschaffenheit das Flussbett ist. Ich danke dem Himmel, dass er uns in diesem weiß Gott nicht überlaufenen Park just jetzt ein Safari-Auto vorbei schickt. Andererseits verspüre ich einen Anflug von Übelkeit, als ich sehe, wie selbst dieses Auto mit der Schnauze komplett abtaucht und uns dann triefend entgegen kommt.

Bevor ich lange überlegen kann, was alles passieren könnte, drücke ich auf’s Gas. Im zweiten Gang und 2Low in den Fluss, die Kurve des Vorgängers imitierend, Abtauchen und dann mit ordentlich Gas (aber zugleich bloß nicht zu viel – Mann…) hoch und wieder raus. Haut tatsächlich hin! Da sind die noch vor uns liegenden Brücken, die gerade so breit wie unser Auto sind und aus nichts als ein paar Ästen bestehen, ein Klacks.

Botswana verschafft uns durchaus Begegnungen mit Tieren. Nur eben nicht immer zu jenen Zeiten und an jenen Orten, die uns lieb wären. Nach einer erneuten Fahrt ohne Tiersichtung werden wir von einem Elefanten, der sich ausgerechnet am Astwerk auf unserem Stellplatz zu schaffen macht, in Empfang genommen. Auch Hippos befinden sich wieder in unmittelbarer Nachbarschaft. A propos Nachbarschaft: auf dem Stellplatz nebenan ist eine Horde Paviane nach dem Klau eines Brotlaibs damit beschäftigt, ADHS-mäßig durch die Gegend zu turnen und zwei Dachzelte abzureißen.

Die nächste Nacht stellt mich vor eine neue Herausforderung. Die Entleerung meiner Blase erlaubt absolut keinen Aufschub. Bevor ich die Leiter meines Dachzeltes verlasse, sehe ich mich um. Und prompt blicken mich im Schein meiner Stirnlampe – SCHOCK – zwei Augen an. Das muss eine Hyäne sein. Selbst in der Höhe fühle ich mich mehr als nicht sicher, an Absteigen ist überhaupt nicht zu denken. Shit, shit, shit, shit. In meiner Not, sorry für die Details, schaffe ich es mit Hilfe akrobatischer Verrenkungen, mein Vorhaben von der Leiter aus umzusetzen.

Ich werde während der nächsten Nächte ausreichend Gelegenheit haben, an der Verfeinerung meiner Technik zu arbeiten, da kann ich meinen abendlichen Getränkekonsum noch so sehr einschränken. Mit starrenden Augenpaaren werden wir es nämlich noch hinreichend zu tun bekommen.

Auch der Sprung in den Kofferraum bzw., als dieser uns nicht mehr sicher genug erscheint, ins Auto gehört bald zu den leichtesten Übungen. Ein anderes Mal, wir sitzen am Feuer, es ist noch nicht mal 7, es raschelt wieder. Wir drehen uns um – WTF!!! Diese Augen sind keine drei Meter entfernt und gehören zu einem richtig großen Körper!! Ich starte einen zunächst erfolglosen Verscheuchungsversuch. Wenig später überlegt es sich der potenzielle Angreifer anders und zieht von dannen. Marie schwört Stein auf Bein, einen Löwen gesehen zu haben, zumal es auch hier an Löwenspuren nicht mangelte. Ich dagegen bin Anhängerin der Hyänentheorie; jedenfalls wird ein Exemplar dieser Gattung die ganze Nacht um unser Auto schleichen. Unsere Bettgehzeit verschiebt sich immer weiter nach vorne.

Anderentags treffen wir endlich mal  wieder auf Tiere jenseits unserer Übernachtungsstätte. Zwei Elefanten sind am Wegesrand mit sich und einigen Bäumen beschäftigt, was wir mit gebührendem Abstand vom Auto aus beobachten. Zwischendurch wird ein wenig mit Sand um sich geschmissen, sich mit dem Rüssel am Auge gekratzt. Wirkt alles recht entspannt. Keine Ahnung, welche Laus dem einen über die Leber läuft, jedenfalls schlägt seine Stimmung innerhalb weniger Sekunden um. Er trampelt auf uns zu und baut sich drohend vor uns auf.

Mann! Komm mal wieder runter! Wir rollen ohne den Motor anzulassen rückwärts. Nachdem der erste sich wieder eingekriegt hat, fängt der andere an, Streit zu suchen. Zum Glück wird auch ihm das irgendwann zu langweilig und er macht den Weg wieder frei. Uns dagegen ist alles andere als langweilig, mir klopft das Herz zum Hals.

Wie gönnen uns einen Tag Pause in Maun – die brauchen wir auch. Wir haben einen Platten. Und wie sich bei der Reparatur herausstellt, nicht nur einen, sondern gleich zwei. Ich will mir nicht ausmalen, was gewesen wäre, wenn uns das im Busch passiert wäre.

Vor uns liegen drei Nächte im Central Kalahari Game Reserve (CKGR). „The dry heart of the dry south of a dry continent“, sagt der Lonely Planet. Der Park ist so groß wie Dänemark und so wenig besucht, dass das Eingangstor verlassen ist und wir eine halbe Stunde nach einem Ranger suchen. Offensichtlich sieht er sich angesichts von ganzen zwanzig Besuchern (das entnehmen wir dem Registrierungsbuch) in diesem sich bereits zu Ende neigenden Monat nicht bemüßigt, dort herumzusitzen.

Wie so viele andere schaut er uns mit großen Augen an:

„Zwei Frauen, alleine!?“
– „Yep.“
„Kein zweites Auto?“ (Für den Fall eines Notfalls empfiehlt es sich, in einer Gruppe von mindestens zwei Autos in den Busch zu fahren.)
– „Nein.“
„Aber nicht nur einen, sondern zwei Ersatzreifen?“
– „Äh, nein…“
„Dann aber doch ein Satellitentelefon?“ (Ach ja, hatte ich erwähnt, dass es in keinem der botswanischen Parks Empfang gibt)?
– „Nein, auch das nicht.“
„Genügend Wasser?“ (Es gibt weder fließend Wasser noch Wassertanks im CKGR.)
– „Ja, damit haben wir uns eingedeckt.“

Ich kann nicht sagen, dass ich mir während dieser Fragerunde besonders cool vorkomme. Ein mehr als mulmiges Gefühl kriecht in mir hoch. Das wird auch nicht besser, als wir eine Liste der Campsites mitsamt ihrer GPS-Daten und dem Hinweis, dass diese nicht wirklich stimmen, ausgehändigt bekommen. Jetzt schauen wir auch ungläubig drein…

Die Campsites hier haben nochmal eine andere Qualität. Manchmal gibt es eine Art Camping-Dusche: Ein Eimer, an den eine Brause montiert ist und in den wir unser Wasser kippen. Die Toilette ist ein Loch im Boden, über dem sich eine Dixie-Klo-artige Plastikkonstruktion befindet. Manchmal gibt es weder-noch, das heißt der Platz besteht aus nichts als einem großen Baum, die Löcher gräbt man sich selbst. Was allen Plätzen gemein ist: Es handelt sich immer um Einzelplätze, falls es überhaupt weitere Stellplätze in der Nähe gibt, sind diese mehrere Kilometer entfernt.

Und so erlebe ich in dieser Wüste eine meiner schönsten und zugleich schrecklichsten Nächte: Nach einem Tag im Busch, an dem uns – wie zu erwarten war – kein einziges anderes Auto begegnet, geht die Sonne unter und wir können hören, wie sich auch die Wüste zu Bett begibt. Das Rascheln und Zirpen wird leiser und leiser, bis es komplett verstummt. Dazu herrscht absolute Windstille.

Wie still es wirklich ist, fällt mir auf, als ich im Zelt liege und in einen unglaublichen Sternenhimmel gucke: Es fühlt sich an, als hätte man Ohrenstöpsel im Ohr und hörte seine eigenen Ohrgeräusche. Es ist ein bizarres und wunderbares Erlebnis zugleich. Umso irritierender, wenn diese Stille unterbrochen wird. Nicht wenn die Löwen brüllen, darauf bin ich vorbereitet, denn das CKGR ist bekannt dafür. Heiliger Strohsack, das kann richtig laut sein!

Aber plötzlich macht sich was an unserem Auto zu schaffen. Eine Art Kratzen. Was ist das? Die Wüste ist voller marderartiger Mungos. Was, wenn die wie bei uns zu Hause die Kabel durchbeißen und wir morgen das Auto nicht mehr anbekommen? Ich steigere mich in meine Panik… Wie viele Tage haben wir Zeit, um gefunden zu werden? Statistisch gesehen: In wie vielen Tagen wird bei zwanzig Besuchern pro Monat und so und so vielen Campingplätzen der nächste Besucher an unserem Campingplatz auftauchen? Ich zähle immer wieder durch, wie viele Liter Wasser noch übrig sind, nachdem wir am heutigen Nachmittag unseren Kofferraum von einer zähen Wasser-Kohle-Masse befreien mussten. Was, wenn das Auto anspringt, wir aber einen Platten haben, das Ersatzrad ebenfalls platt wird? Wie weit kommen wir mit einem Platten, wenn es mit normalen Reifen schon so schwierig ist, durch den Sand zu kommen? Ach ja, und was ist, wenn wir wieder stecken bleiben?

Ein wenig beruhigt mich das Wissen um die noch fast volle Ketchupflasche, die wir im Gepäck haben. Damit ließe sich ein SOS in den Sand und auf die Motorhaube malen, vielleicht fliegt ja mal einer über uns darüber. Irgendwann dämmere ich weg. Etwas angespannt steige ich am nächsten Morgen ins Auto. Es springt an. Halleluja. Im Vergleich zur Anzahl der Löwen, die man in der Nacht erschreckend nah brüllen hört, sehen wir tagsüber sehr wenige. Aber dafür bekommen wir Antilopen zu sehen, die für uns neu sind. Außerdem alles Mögliche an kleinem Getier. Erdmännchen, Dachse, Mangusten, Eichhörnchen, Unmengen an Vögeln. Ganz kurz zeigt sich uns sogar ein herumstreifender Gepard.

Unsere Camping Tour neigt sich dem Ende zu. Es war ein tolles, aber auch nervenaufreibendes Erlebnis. Dazu gehört auch das Camping selbst: Ich kann und will mich nicht an den Dauer-Dreck und meine Tom Sawyer-Füße gewöhnen. Man wird einfach nicht mehr richtig sauber, Staub und Sand kriechen überall rein. Ständig reißt man sich irgendwas an scharfen Kanten auf, mein Telefon erkennt meinen Fingerabdruck nicht mehr, so verschandelt ist er. Seit dieser Tour verstehe ich auch den Sinn von Autohandschuhen, meine Hände sind kurz vor der Blasenbildung.

Da sehnt man sich zwischendurch schon mal nach einem Ruhetag. Bis man den Kofferraum öffnet und sich ein halbes Desaster offenbart. Während wir über im Sand verborgene Bodenwellen schanzten, hat sich eine Schraube gelöst und einige unserer Wasserkanister aufgestochen. Wieder einmal ist die ganze Ladefläche nicht einfach nur geflutet, sondern dank der Kohle mit schwarzem Schlamm überzeugen, in dem unser Gepäck badet. Wahlweise ist es der Kühlschrank, der uns mit zerbrochenen Flaschen und ausgelaufenen Verpackungen auf Trab hält.

Einerseits könnte es noch ewig so weiter gehen. Andererseits freue ich mich auf eine abschließbare Toilette mit vier Wänden, die nicht erst über Irrwege und Sandpisten zu erreichen ist.

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