Select Page

Simbabwe

Okt 11, 2017

„Oh Gott. Simbabwe? Mutig, mutig…“ (was, glaube ich, mit „nicht ganz bei Trost“ zu übersetzen ist). Das bekommen wir von beinahe jedem zu hören,  wenn wir von unserem nächsten Ziel, Simbabwe, erzählen.

Man warnt uns vor korrupten Beamten an Grenzen und Polizeikontrollen und noch vor vielem nebulös Klingenden mehr.

Ich weiß nicht viel von dem Land. Außer dass Dauerdiktator Mugabe alles so weit runter gewirtschaftet hat, dass die Straßen südafrikanischer Städte mit bettelnden, simbabwischen  Flüchtlingen überflutet sind und das Land am Tropf simbabwischer Auswanderer hängt, die ihr sauer verdientes Geld aus dem Ausland nach Hause schicken.

Ich kann also das leichte Herzklopfen nicht leugnen, mit dem wir uns der Grenze nähern. Umso überraschter sind wir, dass es nicht wesentlich mehr als Geduld, Geduld und nochmals Geduld braucht.

Mit zusammengepressten Zähnen verfolge ich, wie Beamter Nummer 1 zum Schalter schleicht, seinen Block aus der Schublade kramt und beginnt, die Buchstaben aus unseren Pässen und Autounterlagen abzumalen. Nummer 1 ist dabei, sein Werk zu vollenden und ich aufzuatmen, da zückt der dem Geschehen unmittelbar beiwohnende, weil direkt daneben stehende Beamte Nummer 2 seinen Stift. Die Malstunde beginnt von vorne: Block in aller Seelenruhe aus der Schublade, Studium der Dokumente, abpausen der exakt gleichen Daten…

„We don’t have time for this shit“ rutscht mir um ein Haar heraus. Wir befinden uns – wie eigentlich jeden Tag, seit dem wir mit dem Auto unterwegs sind – im Run gegen den Sonnenuntergang.

Den Thrill, afrikanische Straßen im Dunkeln zu befahren, muss ich mir nicht unbedingt geben. Neben Schlaglöchern hat man es mit rasenden, spärlich bis gar nicht beleuchteten Fahrzeugen, besoffenen Fahrern und weiteren Verkehrsteilnehmern wie Fußgängern und allen Arten von (Wild-)Tieren zu tun.

Wir kurven von der im Niemandsland liegenden Grenze über eine lehmige Serpentinenpiste durch den Wald der East African Highlands. Ich mag die Landschaft schon jetzt. Aber das Leben dort ist hart: entlegene Dörfer, Ochsen- und Eselkarren, Menschen, die Wasser aus den wenigen am Straßenrand befindlichen Pfützen schöpfen.

Die Menschen sind ganz aus dem Häuschen, wenn sie uns sehen und winken uns begeistert zu. Mitunter wirbeln sie bei der Gelegenheit ein Bündel von – lebenden (!) – Hühnern durch die Luft.

Bevor ich anfange, Mitleid zu haben, fällt mir ein, dass diese Tiere, bevor sie über Kopf hängend zum Verkauf angeboten werden – im Gegensatz zu den „Erzeugnissen“ europäischer Massentierhaltung – immerhin ein freies Leben gehabt haben.

Was zu Hause angebaut und gezüchtet wird, wird am Straßenrand zu Geld gemacht. So versuchen sich die Leute über Wasser zu halten. Auch wenn offizielle Zahlen beschönigend anderes sagen, soll die reale Arbeitslosenrate in Simbabwe bei unvorstellbaren neunzig Prozent liegen.

Wie es um die Wirtschaft dieses Landes bestellt ist, erleben wir außerdem an den Tankstellen. Wie gut, dass unser Auto über einen 140 Liter-Tank verfügt! Vier von fünf Tankstellen, die wir abklappern, ist der Diesel ausgegangen! Mit den Banken ist es noch schlimmer. Ich brauche dringend Cash. Aber kein einziger der Geldautomaten, an denen ich mich mit wachsender Verzweiflung zu schaffen mache, spuckt auch nur einen Cent aus. Es gibt schlicht kein Bargeld in diesem Land. An mehr als 50 Dollar im Monat ist nicht zu denken. Und selbst dafür steht manch einer nachts um drei auf, um ganz vorne in der Schlange zu stehen, wenn die Bank um 8 Uhr ihre Türen öffnet. Denn spätestens um 10 ist das Geld alle.

Wir kratzen unsere verbliebenen Dollars zusammen und schlagen uns irgendwie durch. Zum Glück kann man mancherorts mit Karte zahlen.

Und zum Glück wollen die Polizisten an den Verkehrskontrollen, von denen es noch viel mehr als in Mosambik gibt, nicht mehr als eine Flasche Wasser und als Gärtner für meinen nicht vorhandenen Garten in Deutschland anheuern. Entgegen aller Prophezeiungen geben sie sich keine Mühe, irgendwas zu Beanstandendes an unserem Auto oder Fahrverhalten zu finden. (Wir fahren gemäß Empfehlung sogar langsamer als erlaubt.)

So arm und rückständig das Land heutzutage ist, so reich und entwickelt muss es einmal gewesen sein. „Great Zimbabwe“ (daher der Name) ist eine Ansammlung von Steinruinen, die von der größten mittelalterlichen Stadt in der Subsahara zeugen. Zehn bis zwanzig tausend Menschen haben dort gelebt – und das aufgrund des Handels mit Gold nicht schlecht.

Ehrlich gesagt macht die Geschichte der Anlage für mich mehr her als die in der Gegend herum liegenden Gesteinshaufen selbst. Da helfen auch die Schilderungen des Guides nicht weiter, den ich leidlich bis gar nicht verstehe … Ich bezweifle auch, dass er selbst versteht, wovon er da redet.

Als nächstes fahren wir in den Hwange Nationalpark, einer der größten Nationalparks Afrikas. Wir wissen schon jetzt, dass wir nicht genug Zeit eingeplant haben. Mal wieder.

Hwange ist berühmt für seine Elefanten. Ja, ich will Elefanten, gib mir Elefanten!!

Dann passiert Folgendes: Irgendwann hört man auf, sie zu zählen. Und irgendwann hört man sogar auf, für sie anzuhalten! Es kommt sogar vor, dass man sie am liebsten über den Haufen fahren würde. Nämlich dann, wenn sie mitten im Weg herumstehen und keiner auch nur Anstalten macht, sich endlich ins Gebüsch zu verziehen. Ausgerechnet wenn man dringendst auf’s Klo muss und nichts anderes möchte, als endlich zum Camp zurück zu kehren.

Der letzte Tag in Hwange – dieses Mal ist unsere Ausbeute ausnahmsweise spärlich –, wir sind kurz vor dem Verlassen des Parks:  zwei Warzenschweine, die es ungewöhnlich eilig haben, kreuzen vor uns die Straße. Wir wundern uns, so schnell haben wir sie noch nie rennen sehen. Und in diesem Moment jagt ein Leopard hinter her. Um ein Haar springt er uns ins Auto, so nah kommt er uns.

Es ist schon irre. Man cruist den ganzen Tag durch die Gegend, ist ganz schlapp vom erfolglosen Screening der Landschaft, hat eigentlich schon keinen rechten Bock mehr – und dann reicht der Bruchteil einer Sekunde, um von der Anmut dieses Tieres überwältigt und einfach nur glücklich zu sein.

Die Victoria Falls sind unser letzter Stopp in Simbabwe. Hinsichtlich ihrer Tiefe sind sie die größten Wasserfälle der Welt. Da wir zur Trockenzeit dort sind, führen sie nicht ganz so viel Wasser, sind aber immer noch beeindruckend anzusehen. Und trotzdem lösen sie keine große Begeisterung in mir aus.

Das liegt vermutlich an den von morgens bis abends über den Fällen kreisenden Touri-Helikoptern. Bis zu fünf gleichzeitig. Mich macht der Lärm wahnsinnig. Obwohl die Fälle selbst so laut sind, dass man die Helis zumindest dort nicht hört, ist meine Laune ungefähr so weit gefallen wie die Schluchten tief sind.

Pin It on Pinterest

Share This