Select Page

Mal eben durch Brasilien

Jul 16, 2017

Dämmern. Und Starren. Damit lassen sich 37-stündige Busfahrten (mein persönlicher Rekord) oder anders gerechnet 101 Busstunden in 18 Tagen Brasilien überstehen. Über mangelnde Abwechslung kann ich mich dennoch nicht beschweren:

Mitten in der Nacht geht das Licht an. Neben mir steht ein Herr mit Maschinengewehr. Ist es jetzt soweit? Habe ich es mit einem Busüberfall zu tun, vor dem alle möglichen Menschen gemeint haben, mich warnen zu müssen??? Ich überprüfe, ob ich mir vor Schreck in die Hosen gemacht habe. Alles trocken… Dann alle raus aus dem Bus, Männer in einer Reihe, Frauen in einer anderen aufstellen, Handgepäck vor sich auf den Boden (muss das sein!?). Der männliche Teil meiner Mitreisenden wird wenig zimperlich abgetastet, der Maschinengewehrmann steht daneben – sein Gerät im Anschlag. – Wir sind in eine Polizeikontrolle geraten. Oh Mann… Ich werde mich noch daran gewöhnen – sie sind überall im Land installiert.

Ein anderes Mal stoppen wir mitten in der Walachei. Es ist stockduster. Als der letzte ohne ein Wort den Bus verlässt, bin ich mir sicher, dass ich keine Wahl habe. Ich folge der schweigenden Menge durch die dampfend-schwüle Dunkelheit. Plötzlich betreten wir einen klappernden Stahlboden, auf dem sich eine meterlange Bank befindet. Wie die Hühner auf der Stange sitzen wir da. Dann folgt der Bus auf den Stahlboden; und ich bemerke irgendwann, dass wir uns über einem Wasser befinden!? Nach zwei Stunden worauf-auch-immer-Wartens setzt sich jener Boden mitsamt Bus und uns Passagieren unter dem dröhnenden Ächzen eines Dieselmotors in Bewegung. Wir sind auf einer Fähre! Hättet ihr doch gleich sagen können!

Die Nächte sind also aufregend. Die Tage auch. Allerdings im anderen Sinne. Wir fahren vorbei an bis ans Ende der Welt reichenden Feldern mit Soja, Mais oder die Atmosphäre vollfurzenden Rindern. Über 3000 Kilometer geht das so. Ich möchte kotzen. Alles abgeholzt.

2016 gab es einen neuen Abholzungsrekord. Alles für Sojabohnen, die zum Großteil in die EU – allen voran nach Frankreich und Deutschland – exportiert werden. Wenn man jetzt noch davon ausgeht, dass auch Schwellenländer (China hat die EU als größten Soja-Importeur inzwischen abgelöst) mehr und mehr auf den Geschmack von Fleisch kommen, kann man für den Regenwald schwarz sehen.  Zumal sich der neue Premier Temer, der übrigens schon jetzt in Korruptionsfälle verwickelt ist, einen millionenschweren Sojabaron als Agrarminister ausgesucht hat.

Ich möchte auch über mich kotzen. Weil ich aus ökologischen Gründen nicht fliege, fahre ich auf der umstrittenen Transoceánica, einer Straße, die zu rein wirtschaftlichen Zwecken den Pazifik in Peru mit dem Atlantik in Brasilien verbindet. Sie führt direkt durch den Dschungel. Ohne jede Rücksicht auf Flora, Fauna und indigene Völker.

Wahrscheinlich haben nicht mehr viele die Gelegenheit, Früchte zu probieren, von denen sie noch nie gehört haben. Wenn es so weiter geht, wird es sie bald nicht mehr geben. Sie kommen aus dem Amazonasgebiet, tragen ausgefallene Namen wie Cupuaçu, und man kann sie an jeder Ecke auch in Saftform bekommen. Da kann sich unsere deutsche Saftkultur, die bis vor wenigen Jahren nichts anderes als frisch gepressten O-Saft kannte und heute nur dicke Smoothies in der Preisklasse eines Mittagsmenüs produzieren kann, was abschauen. – Nur immer daran denken, den Zucker abzubestellen. Dieses Land ernährt sich von Zucker. In rauen Mengen.

Der Zucker verleidet mir auch die viel gepriesenen Acai-Bowls. Zu Hause, wo ich auch heimische Blaubeeren haben kann, verweigere ich mich diesem Hype. Hier böte sich DIE Gelegenheit, alles Verpasste aufzuholen. Nur: Das Zeug kommt dauernd in Form einer zuckrigen Eiscreme daher. Dafür liebe ich den ganz und gar nicht süßen Cacau! Nein, nicht das braune Nesquik-Gesöff! Der Saft ist weiß und stammt vom Fruchtfleisch der Kakao-Bohne! Auch die überraschend gut funktionierende Kombination aus Milch und Limettensaft – das geht ausnahmsweise nur mit Zucker – hat es mir angetan.

Ein Rätsel gibt mir die Caju (gesprochen Kaschuu) auf. Angeblich soll der eine Teil der Frucht für teures Geld in Europa verkauft werden, während man in Brasilien den anderen Teil der Frucht bevorzugt. Ich probiere den Saft – schmeckt gewöhnungsbedürftig. Erinnert mich an… Nichts. Doch irgendwann klingelt es. Die Rede ist von der Cashew! Die Nuss hängt an einer Frucht, die ich aus der Ferne immer für eine unreife Flaschentomate gehalten habe!

Wenn wir schon beim Essen sind: Die Brasilianer sind ein Volk von Fleischfressern. Die Unmengen an Fleisch, die hier verdrückt werden, stellen alles vorher Gesehene in den Schatten. Zum Glück enthält jede brasilianische Mahlzeit drei obligatorische Beilagen: schwarze Bohnen, Reis sowie eine Mischung aus gebratener Banane und gebröseltem Maniok (hieß in Peru noch Yuca). Aus Maniok wird auch eine Art Pfannkuchen hergestellt. Heißt dann Tapioka.

Zu guter Letzt würde mich interessieren, worum es sich bei dem sagenumwobenen Mausibier handelt. Sobald die Rede von Deutschland ist, jauchzt einer freudig auf und faselt was von Mausibier.

Was soll das mit dem Mausi? Das Wort treibt mir noch heute eine peinlich berührte Röte ins Gesicht. So hat mich mein Vater immer genannt. Noch im Erwachsenenalter. Vor Dritten…

Ich verdränge die Erinnerung und bestelle endlich besagtes Mausibier. Auf den Tisch kommt: Deutsches Malzbier! Ich schlage mir an die Stirn. Die portugiesische Aussprache bekommt langsam System: Pingi-Pongi (Tischtennis). Feisibuki (Facebook).

Jetzt endlich zu den Sehenswürdigkeiten. Einen Großteil meiner Zeit verbringe ich im Pantanal, dem größten Sumpfgebiet der Erde. Dort soll es jetzt aber WIRKLICH von Tieren nur so wimmeln. Sagen wir mal so: Über einen Mangel an Mücken kann ich mich nicht beklagen. Und, nein, Kaimane muss man hier nicht fangen, über die stolpert man. Zum Beispiel nachts auf dem Weg zur Hängematte, in der es, während die Fledermäuse über einen kreisen, in den Schlaf zu finden gilt.

Auch die Vogelwelt braucht sich nicht zu verstecken. Überall in den Bäumen, im Gebüsch, sogar auf dem Boden kräht und kreischt es. Tatsächlich könnte ich Stunden damit verbringen, die wunderschönen blauen Aras, die Unmengen an grünen Sittichen und ab und an sogar einen Tucan zu bewundern.

Das war’s dann auch schon mit dem Wildlife. Auch die angeblich so vielversprechende Wanderung durch beinahe hüfthohes Wasser bringt mich nicht weiter. Was garantiert nicht daran liegt, dass ich die ganze Zeit über damit beschäftigt bin, mich über den Tourveranstalter aufzuregen. Wir bekommen kein Equipment (ich dachte da an Gummistiefel…?) gestellt, so dass mich die zweistündige Waterei um ein Paar meiner Schuhe erleichtert. Grrr.

Trotzdem bleibe ich dem Wasser treu: Ich mache mich auf zu den Iguaçu-Wasserfällen. Sie sind wirklich nicht auf meinem Weg, aber es heißt, sie seien ein absolutes Muss. Das klingt ja fast schon wieder verdächtig. Verdächtig unnötig. Und so bin ich ohne jede Erwartung. Mit dem Ergebnis: Mich wirft es um. Es spritzt, es sprudelt, es tobt und tost – dieses Naturereignis ist von einer Dimension, die jede Vorstellungskraft übersteigt. Der Fluss, der sich in die Fälle übergibt, ist so breit, dass nirgendwo ein Ufer in Sicht ist; ein auf der brasilianischen Seite befindlicher Spazierweg geht über 1,6 Kilometer an Wasserfällen über Wasserfällen entlang! Überall, auch über hunderte Meter entfernt, nieselt der Dunst der Fälle nieder. Auf der argentinischen Seite kommt man den Fällen so nahe, dass man meint, gleich selbst im Schlund der Iguaçu zu verschwinden.

Jetzt liegt nur noch São Paulo vor mir. Vor dieser Stadt mit ihren zwölf Millionen Einwohnern habe ich einen Heiden-Respekt. Manch einer Schauergeschichte folgend, die sich Reisende wie einen Wanderpokal weiterreichen, kann ich froh sein, wenn ich hier lebend wieder raus komme. Die schlechten Seiten São Paulos bleiben mir jedoch verborgen. Ich selbst erlebe São Paulo als faszinierenden Melting Pot. Mir gefällt, wie sich alles wild durcheinander mischt, Indigene, Farbige (Nachfahren von Sklaven) und Immigranten aus Europa und Asien. Überall schwingen Hüften, zu einer Vielzahl an verschiedenen Rhythmen, die ich wohl niemals werde auseinander halten können. Daneben lässt es sich herrlich durch die Viertel mit Galerien, Eisdielen und verlockenden Läden schlendern. Der bisher erfolgreich unterdrückte Konsumtrieb droht sich durchzusetzen.

Aber bevor ich zuschlagen kann, geht es weiter nach Südafrika. Nicht ganz wie geplant. Anstatt mit der philippinischen Crew eines Frachtschiffs (wurde kurz vorher wegen Insolvenz der Reederei abgesagt) Karaoke zu singen, glotze ich Videos an Bord eines Airbus…

 

 

Pin It on Pinterest

Share This