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Johannesburg – Gangsta’s Paradise

Aug 7, 2017

Eines gleich vorweg. Was Johannesburg anbelangt, so könnte ich befangen sein.

Am Flughafen werde ich mit einer Tasse Kaffee in Empfang genommen, mein Chauffeurdienst kutschiert mich zu meiner Privatunterkunft – der Anblick meines eigenen Bettes, meines eigenen Zimmers, meines eigenen Bades überwältigt mich noch immer – und auch sonst überall hin. Morgens steigt mir verführerischer Duft in die Nase: neben dem Bett steht ein Kaffee, der seinen Namen verdient hat. Vorbei die Zeit des Plörretrinkens, yeah!! Während ich noch genüsslich schlürfe, wartet in der Küche schon der Vitaminschub in Form eines frischen Smoothies. Ich werde bekocht und ausgeführt, meine Wäsche wäscht sich quasi von alleine. Das einzige, was ich selbst tun muss, ist, mich unter die Dusche zu stellen und mir das Weinglas zum Mund zu führen. Verdammt, ich will hier nicht mehr weg.

Ich bin bei Freunden, die mich über zwei Wochen verwöhnen. Sie zeigen mir die schönsten, abgefahrensten und aufregendsten Ecken Johannesburgs. Diese Stadt fühlt sich ein bisschen an wie Berlin in den Neunzigern.

Johannesburg wurde als Goldgräberstadt gegründet und war mal richtig reich. Mit der Apartheid nahmen die glorreichen Zeiten allerdings ein frühes Ende. Die weiße Unterdrückerminderheit (vier Millionen Weiße vs. 41 Millionen Nicht-Weiße) hat die Innenstadt für weißes Terrain erklärt. Abgesehen von einer streng limitierten Anzahl von Schwarzen und Farbigen, die für die Weißen arbeiten „durften“, war es Dunkelhäutigen nicht erlaubt, sich dort aufzuhalten. Sie wurden in Blechhüttensiedlungen (Townships) weiter außerhalb verbannt.

Den Firmen gehen die (schwarzen) Arbeiter aus, sie ziehen an den Stadtrand. Dazu kommen Sanktionen gegen das Apartheidsregime, der Reichtum der Wirtschaftsmetropole fängt an zu bröckeln. Die Innenstadt verwaist und verwahrlost, Hotels und Bürogebäude stehen leer. Mit dem Ende der Apartheid wird Johannesburgs Innenstadt Ziel illegaler Einwanderer, Obdachloser, von Drogenkartellen und kriminellen Banden. Noch heute sind Teile der Innenstadt rechtloses Territorium. Das Johannesburger Autokennzeichen „GP“ wird von manchen mit „Gangsta’s Paradise“ übersetzt.

Und doch hat sich inzwischen viel getan. Kein Wunder. Heruntergekommene Häuser? Verlassene Gegenden? Das schreit nach Kreativen und Investoren. In einstigen No-Go-Areas entstehen Wohnungen, originelle Läden, coole Kunstprojekte, hippe Bars, Clubs und Märkte mit unwiderstehlichen Fressständen, die meinen Bauchumfang innerhalb weniger Tage sichtlich anschwellen lassen.

Ich finde das alles mega faszinierend, obwohl mich, das gebe ich zu, die ein oder andere Interpretation von „hipp“ überfordert. Ein Cocktail, in dem karamellisiertes Popcorn schwimmt? Ich bin zu alt für diesen fancy shit… Andererseits: Mit einer solchen Mixtur intus lässt es sich ganz vortrefflich tanzen.

Wer selbst nicht tanzt, geht ins Market Theatre – auch bekannt unter dem Namen „Theater des Kampfes“  (gegen die Apartheid; hier traten schon – REVOLUTION!! – in den Achtzigern Schwarze und Weiße gleichberechtigt nebeneinander auf). Dort zeigen sie gerade ein an die Nieren gehendes zeitgenössisches Tanzstück, das die in Südafrika allgegenwärtige Gewalt gegen Frauen (SA hat eine der weltweit höchsten Vergewaltigungsraten) thematisiert. Für ganze dreißig Rand (zwei Euro) Eintritt.

Lustigerweise gibt es noch immer Menschen, die sich nicht nach Jo’burg (oder „Jozi“) trauen. Touristen reisen lieber gleich weiter, es soll Johannesburger geben, die sich seit zwanzig Jahren aus ihrer Gated Community am Stadtrand nicht heraus bewegt haben. Ja, ok, ich muss mich auch erst daran gewöhnen, jede noch so kurze Strecke mit dem Auto zurück zu legen. Aber haben all jene schon davon gehört, dass das bei Reisenden so beliebte Kapstadt in der aktuellen Kriminalitätsstatistik weit, weit vor Johannesburg liegt?

Interessant finde ich auch, dass es nirgendwo in Südafrika eine so ausgeprägte schwarze Mittelschicht gibt wie in Johannesburg. In Soweto kann man heutzutage richtig gediegene Wohnviertel finden. Der ein oder andere Millionär hat sich dort sogar eine protzige Villa hingestellt. Nicht fern von den nach wie vor existierenden Blechhütten. Vor denen – darüber staune ich am allermeisten – mitunter ein aufgemotzter Mercedes parkt. Wie geht das? Das Housing-Programm der Regierung stellt Township-Bewohnern umsonst Häuser und Wohnungen zur Verfügung. Anstatt dort einzuziehen, kommt so mancher auf die Idee, den neuen Besitz zu verkaufen, nur um sich vor seinen Blechverschlag (womöglich noch ohne Wasser und Strom) eine fette Kiste stellen zu können. Bizarr.

Und trotzdem ist die gespaltene Gesellschaft allgegenwärtig. Warum sehe ich in Restaurants, Clubs und Cafés – also alles, was Geld kostet – vornehmlich Weiße? Und wenn das Publikum doch gemischt ist: Warum gesellt sich weiß zu weiß und schwarz zu schwarz? Gemischte Beziehungen gelten als Tabu!

Man kann durch Stadtteile fahren, in denen einem die Augen übergehen. Entlang üppiger Alleen verbergen sich hinter meterhohen Mauern und Zäunen Anwesen, die teilweise noch aus der Zeit der Randlords (das sind die Unternehmer, die ein Vermögen mit der Goldgräberei gemacht haben) stammen. Dagegen nehmen sich München Grünwald, Berlin Grunewald und wie sie alle heißen fast wie kleinkarierte Schrebergartenanlagen aus.

Ein paar Straßen weiter brennt eine Tonne, schieben jämmerlich gekleidete Männer Berge von Müll zur nächsten Müllkippe, um sich mit Recycling ein paar Rand zu verdienen. Es gibt noch immer komplett verslumte Gegenden. Wo die Eltern sich keine Schuluniform für ihre Kinder leisten können, ohne die sie nicht in die Schule dürfen. Wo Kinder im Winter auf dem nackten Boden liegen, weil sie keine Decken haben. Wo Mädchen während der Menstruation der Schule fernbleiben, weil das Geld für Binden und Tampons fehlt.

Meine Gastgeber engagieren sich für Uhambo Afrika – einer gemeinnützigen Organisation, die sich solcher Kinder annimmt. Ich habe die Gelegenheit eine Übergabe zu begleiten, bei der Waisenkinder aus einem der übelsten Townships mit Notwendigstem versorgt werden. Die Kinder freuen sich so über Binden und Co. (wir reden hier nicht von Spielzeug oder Schokolade…), dass sie eine Stunde lang für uns tanzen und singen. Voller Inbrunst. Puh, da bleibt selbst beim Hartgesottensten kein Auge trocken.

Der Verein besteht aus nicht mehr als 2,5 Personen, die sich neben ihren Berufen ehrenamtlich um die Kinder kümmern. Spendengeld kommt zu hundert Prozent den Kindern zu Gute. Wer das unterstützen möchte, kann das hier tun:

http://uhamboafrica.co.za

Ich lese gerade, was ich geschrieben habe. So befangen klingt das dann doch nicht. Ich bin erleichtert, der sagenhafte Wein hat mir die Sinne noch nicht vernebelt.

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