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Krimi in Kambodscha

Dez 22, 2016

Für die vielen Fernseh- und Buchautoren, die ihre Krimis zwanghaft in der deutschen Provinz oder sonstwo in der Welt verorten: Kommt nach Kambodscha. Hier liegt das Verbrechen auf der Straße.

Abgesehen davon, dass das Müllaufkommen hier wieder dramatisch zunimmt, zeigt sich Kambodscha zunächst von seiner besten Seite. Zwar ist das Land beinahe monoton platt, aber alles ist so schön einheitlich grün, lediglich unterbrochen von einzelnen Punkten (= Bäumen) noch tieferen Grüns. Außerdem geht es plötzlich mit den Palmen los – sie stehen hier beinahe inflationär überall herum. Wenn man dann noch an einem Sonnenuntergang entlang fährt, könnte man in eine friedlich-romantische Stimmung verfallen.

Bis wir im Bus (vermute, Busse werden zu meinem Lebensthema) etwas auf uns zukommen sehen, ein erschrockenes Schreien der Passagiere aufbrandet, es zugleich verdächtig rumpelt und ein Gegenstand, der nach einem Helm aussieht, an unserem Fenster vorbei fliegt. Wir haben definitiv jemanden über den Haufen gefahren. Der Bus jedoch fährt weiter. Keiner außer ein paar Touristen scheint sich ernsthaft Sorgen zu machen. Ich versuche, meine Irritation in Richtung einheimischer Mitreisender loszuwerden und bekomme nur ein „stupid motorbike“ zu hören.

Es stimmt schon, sein Motorbike fährt man hier bevorzugt da, wo es gerade passt. Also kreuz und quer. Auch dieses war auf der falschen Seite unterwegs, das konnte ich noch sehen. Aber – hallo? Mir fehlen die Worte. Ein paar Kilometer später kommt der Bus zum Stehen. Und was macht der Fahrer? Er flüchtet!

Irgendwann kommt tatsächlich die Polizei. Ein in San Francisco lebender Kambodschaner liefert in der Zwischenzeit die Erklärung für die Flucht des Fahrers. Er hat Angst vor der Familie der Opfer, die ihm aus Rache den Garaus machen könnte. Selbst wenn ihn gar keine Schuld trifft. Dazu kommt die Angst vor der Polizei. Von der nämlich ist nicht viel anderes als Korruption und Erpressung zu erwarten.

Das bestätigt mir auch ein junger Typ, mit dem ich in Phnom Penh ins Gespräch komme. Es sei Usus, sich nach einem Unfall aus dem Staub zu machen. Unabhängig von jeder Schuldfrage wird sich die Polizei auf die Partei mit dem dickeren Geldbeutel schlagen. Überhaupt geht man Polizisten lieber ganz aus dem Weg. Es sei denn, man möchte heimlich Drogen zugesteckt bekommen, um geschnappt zu werden und sich dann freikaufen zu müssen.

Das Gemüt ist also schon angeschlagen, als es hernach zu einem der Killing Fields und dann zu einem der schrecklichsten Gefängnisse, in denen die Roten Khmer gewütet haben, geht. Man kann sich nicht vorstellen, wie die Roten Khmer es nach ihrer Machtübernahme geschafft haben, Phnom Penh innerhalb von 24 Stunden komplett zu entvölkern und die Leute auf’s Land zur Zwangsarbeit in den Feldern zu deportieren. Wer ansatzweise intellektuell wirkte (dafür reichte es schon, eine Fremdsprache zu sprechen oder eine Brille zu tragen), wurde direkt ins Folter-Gefängnis gesteckt oder umgebracht. Auch Kinder waren unter den Opfern. Den Baum jedenfalls, an dem Babys und Kleinkinder erschlagen wurden, werde ich sicher nicht vergessen.

Jeder Kambodschaner ist mehr oder weniger direkt von dieser Zeit betroffen. Von damals acht Millionen Einwohnern wurden bis zu drei Millionen entweder aufgrund von Exekutionen oder aufgrund der Folgen der Zwangsarbeit umgebracht.

Die Verbrechen der Roten Khmer sind bis heute nicht geahndet geschweige denn aufgearbeitet. Es gäbe jede Menge darüber zu schreiben.

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