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Kambodscha für Kenner

Jan 3, 2017

Größter Banausentipp

Intellektuellen und jenen, die sich dafür halten, sei empfohlen, direkt zum nächsten Absatz zu springen. Den anderen zur Info vorab: Angkor Wat ist genau eine einzige – wenn auch die größte und bekannteste – Tempelanlage unter vielen, die sich in der Region Angkor befinden.

Angkor in seiner Gesamtheit und schieren Größe haut einen natürlich um. Und Ta Prohm – das ist der Tempel, der vom wild um sich wuchernden Dschungel beinahe verschluckt wird – dient zurecht als die wahrscheinlich meist fotografierte Kulisse dort. Was aber auch dazu führt, dass die Leute vor den einschlägigen Motiven Schlange stehen. Insbesondere wenn sich Busladungen von Koreanern in allen Konstellationen gegenseitig fotografieren.

Zu meinem Leidwesen habe ich selbst nach ausgiebiger Inspektion keine rechte Ahnung, wie sich die für mich ähnelnden Tempel voneinander unterscheiden. Nach zwei Tempeln setzt bereits eine gewisse Tempelfatigue ein, die – damit möchte ich mich keineswegs herausreden – vielleicht ein wenig der Hitze geschuldet ist. Ich bin versucht, die Tempelei auf einen Tag zu beschränken und den zweiten Tag zu schwänzen.

Zum Glück überkommt mich anderentags das schlechte Gewissen. Es geht also weiter, außerhalb der großen Haupttempel zu etwas kleineren Anlagen. Jetzt kommt dann doch sowas wie Begeisterung auf, andächtige Intimität anstatt erschlagender Monstrosität. Das ist nicht zuletzt auch auf die fehlenden Touristenhorden zurückzuführen (ob das an der Entfernung zu den Haupttempeln oder an der fortgeschrittenen Uhrzeit liegt, kann ich nicht sagen).

Gekrönt wird die Tour mit einer Einladung des Fahrers, der uns die beiden Tage herumkutschiert hat. In seiner barackenartigen Küche, die sich in seinem Hof befindet, bereitet er uns ein deliziöses Essen zu. Daneben eine Palette Bier. Seine ganze Familie mit Nichten, Neffen, Cousinen, Brüdern und Tanten schaut uns beim Essen zu und freut sich, wie es uns schmeckt. Also: Zwei Tage in Angkor und ein Abend mit Khun, dem Fahrer, reichen. Auf jeden Fall für Banausen wie mich.

Typischstes Styling

Mit Ausnahme einzelner Frauen, die sich in farbenfrohen, pyjamaartigen Zweiteilern mit mutiger Musterung fortbewegen, kann ich erstmals keine Auffälligkeiten im landestypischen Styling feststellen. Obwohl es heißt, auch in Kambodscha kleide man sich eher zurückhaltend, sind zumindest in den Städten auch jenseits der Sexviertel Frauen anzutreffen, die Haut oder wenigstens Figur zeigen. Am interessantesten wird es dann in Phnom Penh, wo ich – darauf lassen die verschiedensten Stylings und Outfits jedenfalls schließen – erstmals seit meinem Aufenthalt in Südostasien auf sowas wie eine Jugendkultur oder -szene treffe.

Unliebstes Essen

Zur Auswahl stünden gebratene Taranteln. Was während der Herrschaft der Roten Khmer aus der Not heraus Eingang in den kambodschanischen Speiseplan gefunden hat, wird heute als Delikatesse feilgeboten. Sie gelten als potenzsteigernd ebenso wie angebrütete Eier, die wirklich überall gegessen werden und zwar von beiderlei Geschlecht. Die Eier werden zwischen 14 und mehr Tage angebrütet, so dass bereits Schnabel, Federn und Knochen entwickelt sind, manchmal sogar so weit, dass das Küken kurz vorm Schlüpfen ist. Das Ei wird entweder bei lebendigem Leib roh gelöffelt oder zuvor zwanzig Minuten gekocht.

Ich schaue lieber weiter, was die Märkte so hergeben. Wobei es auch dafür immer ratsam ist, sich zuvor seiner stabilen Psyche zu vergewissern. Der berühmte, direkt am Wasser gelegene Crab Market in Kep zum Beispiel ist nichts für schwache Nerven. Dort kann man sich seine eigene Portion zappelnder Krabben aus dem Wasser ziehen und an Ort und Stelle mit dem „Gold Kambodschas“ – damit ist der grüne Pfeffer aus der Stadt Kampot  gemeint – zubereiten lassen. Bei den Unmengen, die hier in einer einzigen Stunde in die Pfannen wandern, verwundert es nicht, dass sich auch die Krabbenbestände in Kep dem Ende zuneigen.

Magischster Moment

Vor asiatischen Großstädten wird man von anderen Reisenden gerne gewarnt. Ja, auch Phnom Penh hat echt ätzende Ecken, insbesondere die Tourimeile inklusive Sextourismus. Ich selbst verfalle Phnom Penh spätestens, als ich der Quelle einer lauten Musik folgend an einem großen Platz inmitten der Stadt auf Dutzende tanzende Menschen treffe. Sie hopsen nicht einfach wild durcheinander, sondern haben für jedes einzelne Lied eine echt ausgefeilte Choreografie drauf. Es sind Profitänzer darunter, aber auch stinknormale Menschen jeden Alters – vom zweijährigen Kind (da ist die Koordination natürlich nicht ganz so ausgefeilt) bis zur Siebzigundmehrjährigen, sogar ein Downmädchen und Vertreter der Gaycommunity sind darunter. Das Spektakel findet jeden Tag von nachmittags bis abends statt. Ich stehe über zwei Stunden einfach nur da und schaue gebannt zu.

Aufregendste Reiseführerlücke

Auf dem Weg nach Phnom Penh ist die Straße verstopft. Zuerst verstehe ich gar nicht, was hier los ist, über Hunderte von Metern stehen am Straßenrand Unmengen von Menschen. Ich denke an einen Markt, dann an ein Festival, dann erst sehe ich, dass es fast ausnahmslos Frauen sind, die alle pink- oder lilafarbene Schürzen und Kopftücher tragen. Sie warten im völlig zusammengebrochenen Verkehr auf Transportmöglichkeiten in Form von Lastwagen mit offenen Pritschen, die eher an Deportations- als an „Shuttle“-Fahrzeuge erinnern. Wo diese Leute alle herkommen, erschließt sich mir, als wir ein irrwitzig großes Gebäude passieren: „Garment-Factory“ heißt es da. Ein Schichtwechsel muss die Massen, die dort arbeiten und eine ganze Stadt füllen könnten, auf die Straße gespült haben.

Ich bin überrascht. Über mich, dass ich das Thema total verdrängt habe und nicht damit gerechnet habe, sowas zu Gesicht zu bekommen. Aber auch über die Reiseführer, die ich gelesen habe. Da steht nämlich nichts über die kambodschanische Textilindustrie und unsere mehr oder weniger teuren Klamotten, die auch dort nach wie vor unter menschenunwürdigen Bedingungen produziert werden. Es bleibt mir nichts anderes, als zu hoffen, dass diese Fabrik eine Ausnahme ist.

Lazigster Ort

Auf der Insel Koh Rong Samloem soll es so aussehen wie in Thailand vor zwanzig Jahren. Als thailändischer Spätzünder muss ich da natürlich hin. Allerdings entwickeln sich die Dinge hier schneller als ich reisen kann. Am Strand, an den es mich verschlägt, reiht sich eine Bungalow-Anlage an die nächste. Entwickelt heißt auch: Plastikmüll. Der Strandspaziergang wird zum Ausweichmanöver und erfolgt in Schlangenlinien. Nicht weniger verstörend ist, dass sich die ganzen Anlagen in russischer Hand befinden. Mehr, als dass sich ein exzentrischer russischer Oligarch auf der Flucht vor einer Betrugsklage auf eine Nachbarinsel abgesetzt und dort eine Reihe von steinernen Penissen aufstellen lassen hat, kann ich über die Russen auf Koh Rong aber nicht herausfinden. Trotzdem: Auf der Insel gibt es nichts außer Trampelpfaden und einem (sobald man sich von den Bungalows entfernt und das Röhren der Generatoren nicht mehr hört) weitestgehend unberührten Dschungel. Nach einem kurzen Spaziergang trifft man auf den sogenannten Lazy Beach. An diesem großen, sauberen und beinahe einsamen Strand befinden sich lediglich ein paar Bungalows und ein sehr chilliges Strandrestaurant. Wenn’s nicht gerade so bewölkt wäre, wäre der Sonnengang hier bestimmt einzigartig. Ich könnte jetzt doch gut und gerne noch ein paar Tage länger hier abhängen.

Größter Culture Clash

Unser Bild von der Welt und wie sie zu sein hat, ist glücklicherweise voller Klischees. Was wäre das sonst für ein Leben, so ganz ohne Überraschungen. In einem außerordentlich stimmungsvollen, ruhigen und abgelegenen Mangrovenwald taucht plötzlich ein Mönch vor mir auf. Herrlich, nichts könnte besser zur Atmosphäre passen. Allein die Farbigkeit, das leuchtende Orange im von der Sonne durchbrochenen Grün… Ich lasse den Wald links liegen und nehme die Verfolgung auf, auf der Jagd nach dem perfekten Bild vom Mönch in den Mangroven. Blöd nur, dass er so weit weg ist und ich bereuen muss, auf meine Handykamera mit dem schlechten Zoom angewiesen zu sein. Aber Moment, irgendwas stimmt hier nicht. Der Mönch stoppt allenthalben, dreht sich um die eigene Achse und hält dabei permanent einen silbrig schimmernden Stecken von sich, läuft weiter und dann das ganze Spiel wieder von vorn. Ich rücke auf und falle vom buddhistischen Glauben ab. Das Zeitalter der digitalen Eitelkeit macht eben vor niemandem Halt. Die Selfiemanie hat auch von diesem Mönch Besitz ergriffen. Irgendwie beruhigend, ein Mönch ist halt auch nur ein Mensch.

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