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Himmel und Hölle in Vietnam

Jan 10, 2017

Ich bin im Himmel. In Vietnam pflegt man eine Kaffeekultur, die schon lange da gewesen ist, bevor sich der westliche Coffeeshop-Fimmel bis in die letzten Winkel der Welt ausgebreitet hat. An jeder Ecke gibt es Cafés, in denen man verflucht starken und ebenso verflucht guten Kaffee bekommt. Für Memmen wie mich auf viel Eis und der für diese Breitengrade typischen süßen, dickflüssigen Kondensmilch (bei uns heißt das Milchmädchen). Mit dem einsetzenden Herzrasen widerstehe ich der Versuchung, einfach nur von Café zu Café zu wandern.

Anlass zur Stop-and-Go-Wanderschaft gibt aber auch eine weitere Droge: Das Essen. Was ist besser, als Saigon (finde ich klangvoller als das offizielle Ho Chi Minh City) über seine verschiedenen Streetfood-Gegenden zu erschließen. Jeder District hat seine eigenen kulinarischen und atmosphärischen Besonderheiten:

  • Herzhafte Crêpes (sowas in der Art jedenfalls) inmitten dicht aneinander gedrängter sozialistischer Appartmentblocks.
  • Eine Art Schubecks Teatro zum Spottpreis: Alle möglichen Sorten von Seafood inklusive Entertainmentprogramm dank Straßenkünstlern, die ihre mannshohen Boxen vom Mofa hieven und vietnamesische Schlager zum Besten geben; Feuerspuckern, die so jung sind, dass sie eigentlich schon im Bett sein müssten; Zauberern, die verschreckte weiße Tauben aus ihren Hemdsärmeln schütteln.
  • Tischbarbecues und Hotpots, um die sich Gruppen biertrinkender Jugendlicher scharen, um darin ganze Fischköpfe zu versenken und die Straße in Dampf und Rauch zu hüllen.

Nur: Was bestellen? Das Studium der Karten ist selbst im Falle englischer Übersetzungen eine echte Herausforderung. Auch wer mit viel, viel Phantasie ausgestattet ist, wird bei Gerichten wie „Cotton fried beef issue“ oder „Cow blanket covering“ vor einem Rätsel stehen.

Während man an seinem „shaken potatoe cheese“ (entpuppt sich als Pommes Frites!) kaut, huscht die ein oder andere Ratte in Richtung Müll vorbei. Das hält aber niemanden davon ab, sein Leben auch jenseits des Streetfoods auf die Straße zu verfrachten. Zwischen den im Verkehrschaos versinkenden Straßen und den Häuserzeilen befindet sich maximal ein Gehweg – dort toben und spielen die Kinder, dort hält man auf dem Mofasitz zusammengefaltet ein Nickerchen, breitet sein Gemüse zum Verkauf aus, lässt sich mit folterartigem Besteck die Ohren ausräumen oder auf der Suche nach Läusen durch’s Haar wühlen. KREISCH!

Was für mich einem Drama gleich kommt, war für die Vietcong in ihren Tunneln eines der geringeren Probleme. Neben allem möglichen Ungeziefer lese ich von Ratten, Giftschlangen und extremer Hitze – Hölle! Einen groben Eindruck davon kann man sich außerhalb von Saigon machen, wo Teile des Tunnelsystems, das die Vietcong während des Vietnamkriegs auf bis zu 200 Kilometern Länge ausgebaut haben, zu besichtigen sind. Die Tunnel waren auf drei Stockwerken angelegt (zwischen drei und zehn Metern Tiefe) und dienten nicht nur als Stützpunkt für Guerillaattacken. Auch der zivile Alltag mit Schulen, Krankenstationen, Schlafgelegenheiten wurde ganzen Städten gleich in den Untergrund verlagert. Und das, wo die Gänge nicht größer als achtzig mal sechzig Zentimeter waren. Weder durch Fluten oder Bomben, noch durch Giftgas, ließ sich dieses Labyrinth durch die Amerikaner zerstören.

Würde man sich nicht einer busladungsgroßen Gruppe anschließen müssen, nur um sich dann vor jeder Station in mindestens einer weiteren Gruppe dieser Größe zu verheddern, müsste ich mir all diese Infos nicht im Nachhinein anlesen und auf Bildern betrachten. Es ist ein einziges Gedränge, dazwischen das Gejohle der Leute, die sich auf Panzern in heroische Posen werfen und krakeelend in Falltüren verschwinden. Sind wir hier in einem Abenteuerpark, oder was?

Setzt man sich von der Gruppe ab und geht ein paar Meter in den Dschungel rein, hört man dumpfe Schüsse aus der Ferne. Man vergisst für einen Moment, dass die Schüsse von Besuchern rüberhallen, die sich hier an einem Schießstand mit allerlei Waffen verlustieren und kann sich eines beklemmenden Gefühls nicht erwehren. Was diese friedvolle Umgebung an Schrecken erlebt haben muss.

Das „Highlight“ kommt ganz am Ende, wenn es nach unten geht. Durch den dunklen, stickigen und trotz (für die westlichen Touris) Verbreiterung immer noch super engen Tunnel kriechend vergeht dann auch dem letzten Schwachkopf das Lachen.

Himmel und Hölle liegen eben nah beieinander.

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