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Vietnam – Insel ist nicht gleich Insel

Jan 21, 2017

Irgendwas ist anders.

Ich befinde mich um die 200 Kilometer Luftlinie von Saigon entfernt auf der Insel (bzw. -gruppe) Con Dao — aufgesetzt auf einer Landebahn, die genau von einem Ende bis zum anderen Ende der Insel reicht.

Dank des Fluges kann ich das Mekongdelta mit seinen unzähligen Wasserstraßen und deren dicht besiedelter Ufer von oben sehen. Wir überfliegen auch die Stelle, an der sich — finde ich total aufregend — das Braun des riesigen Mekong ins Blau des Meeres übergibt.

Aber was ist es, das mich so irritiert? Dass hier keine weißen Pudel mit lila gefärbten Ohren (Saigon halt) herum laufen, kann es nicht sein. Vielleicht liegt es daran, dass sich das Faible des vietnamesischen Festlandes für das Liedgut von Modern Talking nicht bis auf die Insel herum gesprochen hat?

Wir kommen der Sache näher. Es ist die Stille.

Dabei war Con Dao bis zum Ende des Vietnamkrieges eine berüchtigte Gefängnisinsel — das haben sich die Franzosen gute hundert Jahre zuvor einfallen lassen —, ausschließlich bewohnt von Gefangenen, Aufsehern und Militär. In der Abgeschiedenheit und in den sogenannten „tiger cages“, in denen Menschen wie Raubtiere gehalten wurden, haben Gefangene fürchterliche Folterungen er- oder eben nicht überlebt.

Heute ist Con Dao ein Kleinod an Ruhe und Entspanntheit und lässt mich – rein optisch – an eine Mischung aus vernebelten schottischen Highlands und griechischen Küstenorten vor dreißig Jahren (mit viel Potenzial, aber noch nicht so ganz gewusst wie) denken. Man hört nicht viel mehr als das Rauschen von Wind (davon gibt es jede Menge) und Meer. Plus allabendlich die Nachrichten, mit denen die Insel über ein Megaphon beschallt wird.

Hier gibt es zwar keine müllfreien, aber immerhin einsame Strände und einen Dschungel, in dem man sich seiner körperlichen Reserven und Orientierungsfähigkeit vergewissern kann. Die Formel „kleine Insel = kleiner Dschungel“ geht jedenfalls nicht auf, was mich, prompt vom Weg abgekommen, kurzzeitig aus der Fassung bringt.

Ich hätte nicht gedacht, dass ich das mal sagen würde. Aber hier täten zur Abwechslung ein paar mehr Touristen gut. Die Infrastruktur wäre vorhanden (nur die Qualität des Essens ist ausbaubar; und das in Vietnam). Abgesehen von Saigonern, die auf Con Dao ihr Wochenende verbringen, verschlägt es nicht allzu viele Reisende an diesen Ort. Selbst der Besuch von Brangelina vor ein paar Jahren hat daran nichts Wesentliches geändert.

Und das, obwohl die vietnamesische Regierung schon seit Längerem Großes vorhat mit Con Dao. Dies wiederum verheißt auch nicht viel Gutes – wie man auf der derzeit ohne Ende gehypeten Insel Phu Quoc erleben darf. Es ist faszinierend, wie schnell man Land und Natur zerstören kann. Phu Quoc, als schönste vietnamesische Insel mit ebenso tollen Stränden und ursprünglichem Dschungel beschrieben, ist innerhalb kürzester Zeit zu einer Mischung aus Baustelle und Müllhalde verkommen.

Hier werden Städten gleiche Anlagen aus dem Boden gestampft. Die Dimensionen sind selbst für zur Übertreibung neigende Menschen weder mit Worten noch mit Bildern zu beschreiben.

Wer sich auf der Insel fortbewegen muss, verschließt am besten Mund und Nase – denn ihm werden ausschließlich von Baustelle zu Baustelle pendelnde, Dreck, Staub und Müll aufwirbelnde LKWs begegnen. Sofern man über den Luxus einer Unterkunft mit Strandzugang verfügt, empfiehlt es sich, die Insel Insel sein zu lassen und sich aus dem eigenen Liegestuhl gar nicht erst zu erheben.

Oder eben gleich nach Con Dao weiter.

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