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Chile – Wasser, Wein und Wüste

Apr 16, 2017

Bei meiner Ankunft in Santiago gibt es zwar kein Wasser mehr – das ist wegen der vorangehenden Unwetter und Brände ausgegangen, so dass ich im Supermarkt nur noch zwischen Säften und Softdrinks wählen kann. Aber dafür gibt es endlich wieder Desinfektionsmittel. An jeder Ecke, in Großpackungen. Ein Sauberkeit-liebendes Volk, die Chilenen. Nebenbei essen sie Nektarinen, die sich ohne große Umstände vom Stein lösen lassen und haben einen Faible für buschige Schäferhunde.

Ich fühle mich wohl. So wohl, dass ich meinen Vorsatz aufgebe, der Welt zu beweisen, mich auch ohne Spanischkenntnisse durch Südamerika schlagen zu können. Ich bleibe also in Santiago und renne montags bis freitags in die Schule. Vor lauter Lernen komme ich gar nicht mehr zum Bloggen. Es ist einfach zu schön, nach all den Jahren endlich wieder was (Sinnvolles) für’s Hirn zu tun. Aus geplanten zwei Wochen Spanischkurs werden vier, und eigentlich würde ich am liebsten weiter machen.

Zumal Santiago auf den ersten Blick wie ein Hort der Lehre anmutet. Es wimmelt von Universitäten, die Kinder – wo bleibt da das Recht auf Kindheit – gehen schon mit vier oder fünf Jahren in eine Art Vorschule, Englisch-Unterricht inklusive. Umso mehr darf man sich wundern, weshalb Englisch selbst von jungen Leuten quasi nicht gesprochen wird. Ich interpretiere das als Symptom des chilenischen Bildungswesens, das unter Pinochet weitestgehend privatisiert wurde und als ineffizient und ungerecht gilt: Die öffentlichen Schulen sind Schrott, die privaten Schulen sind unerschwinglich teuer. Chancengleichheit und soziale Durchlässigkeit? Fehlanzeige.

Irgendwas muss dem chilenischen Staat zum Thema “Gleichheit” aber schon mal zu Ohren gekommen sein. Nur mit der Begrifflichkeit ist dann etwas durcheinander geraten. Die absurde Regel, dass in sämtlichen Santiagoer Fenstern nichts anderes als weiße Vorhänge zu hängen haben, wirkt auf mich jedenfalls eher wie Gleichmacherei.

Zumindest in den Straßen Santiagos, wo je nach Viertel ein Geruchsmix aus Urin und dem in Chile scheinbar einzigen verfügbaren Herrenduft vorherrscht, sind irgendwie alle gleich. Ich bin überrascht über das auffallend defensive Fahrverhalten der Santiagoer. Insbesondere gegenüber Fußgängern. (Lediglich bei Frauen am Steuer ihres SUV lohnt es sich, vor dem Schritt in die Straße einen Moment inne zu halten. )

Dank der entspannten Verkehrslage kann ich mich etwas mehr auf meine nicht vorhandene Orientierung konzentrieren. Es dauert eine Weile, bis ich kapiere, warum ich mich in dieser Stadt noch mehr als sonst verirre. Die Fahrtrichtung der Straßen ändert sich alle paar Stunden. Wo es eben noch in die eine Richtung ging, fährt man plötzlich entgegengesetzt.

Ein weiteres Mysterium sind die unerklärlichen Duschen, die meine Füße in regelmäßigen Abständen abbekommen. Dann spritzt mir irgendwas Bräunliches von unten gegen die Beine, während ich weder eine Pfütze, noch sonst was Wasserabsonderndes um mich herum identifizieren kann. Bevor ich mich damit beschäftige, ob in Santiago sowas wie ein Gesundheitsamt existiert, erkenne ich den Übeltäter in losen Pflasterplatten, unter denen sich Wasser angesammelt haben muss. Dieses wird dank der plötzlichen Erschütterung durch mein Körpergewicht nach oben gepresst und gegen meine Füße gesprengt. Ich sollte es den Chilenninen gleich tun und mir nur noch Schuhe (egal ob Flip Flops oder Stiefel) ab fünf Zentimetern Plateau zulegen.

Damit wäre ich vielleicht auch besser für den Slalomlauf in Valparaiso – einem Ort zwischen Kunst und Kacke – gewappnet. Ich kann diese malerische, sich auf über vierzig Hügeln erstreckende Hafenstadt mit der größten jemals gesehenen Ansammlung von Hundehaufen nicht richtig genießen.

Ich schlucke meinen Ekel mit dem sagenumwobenen Pisco Sour hinunter. Pisco nennt sich der hiesige Weinbrand und ist an sich ein scheußliches Getränk. Vor allem wenn man es – wie hier üblich – mit einer Art Ginger Ale oder Cola (das nennt sich dann Piscola) mixt. In der Sour-Version jedoch (noch besser zuzüglich Ingwer und einer scharfen Sauce namens Aji – heißt dann Pisco Porno…) kann ich kaum genug davon bekommen.

Es gibt ein weiteres Getränk, das es mir angetan hat: Terremoto, was so viel wie “Erdbeben” heißt. Echte Erdbeben fangen für Chilenen erst bei einer Stärke von über acht an. Alles darunter wird überhaupt nicht Ernst genommen. Ich darf mich also fragen, was es mit dem harmlos anmutenden Gemisch aus Weißwein, Grenadine und Ananaseis auf sich haben und warum ich mir nur einen davon genehmigen soll. Als ich nach zwei Gläsern aufzustehen versuche, weiß ich plötzlich, was gemeint ist…

Ich trinke also alles Mögliche nur nicht das, worauf ich mich am meisten gefreut habe: Chilenischen Wein. Ich setze darauf, von Einheimischen in die Szene eingeführt zu werden. Aber wann immer ich mich mit Chilenen treffe, gibt es Bier! Und dann noch nicht mal chilenisches (dabei gibt es hier eine elaborierte Craft Beer Szene), sondern amerikanische Absonderlichkeiten oder deutsche Marken, von denen in Deutschland kein Mensch gehört hat.

Mit dem Essen geht es mir ganz ähnlich. Zugegebenermaßen hält die chilenische Küche eine überschaubare Varianz bereit, aber es gibt eben doch mehr als Empanadas und Papas Fritas (Pommes). Nur – mit den Locals geht es in Pizza- oder Burger-Läden!

Ich bräuchte viel mehr Zeit, um Chile zu entdecken. Das Land ist riesig, aber der Rest von Südamerika ebenfalls. Ich mache mich auf den Weg zu meiner letzten chilenischen Station, in die Atacama-Wüste, nach der Antarktis der trockenste Ort der Welt. Es geht in das “Valle de la Luna” (das Tal des Mondes, dessen Oberfläche an den Mond erinnert) und zu den Lagunen und Geisiren in den Hochebenen auf über 4200 Metern.

Noch mehr jedoch fasziniert mich die Tatsache, dass die Region von magnetischen Feldern durchzogen ist. Der magnetische Effekt zieht unser Auto – bei ausgeschaltetem Motor wohlgemerkt – eine ganze Anhöhe hoch! Und – noch krasser – eine Schweizerin schlägt jede Nacht Funken, wenn sie sich in ihrem Bett umdreht.

Ich habe das Gefühl, mich mit Massen an Energie für die Weiterreise aufgeladen zu haben.

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