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Osterinsel

Mrz 18, 2017

Das Traumschiff war natürlich auch schon da. Aber mir geistert die Osterinsel (auch: Rapa Nui) schon viel länger im Kopf herum. Einen geheimnisvolleren Ort als die Osterinsel kann ich mir kaum vorstellen. Kein Wunder. 3500 bis 4000 km entfernt von Tahiti im Westen und von Chile im Osten liegt die Insel isoliert in der Südsee. Dazu ist Rapa Nui in Ermangelung schriftlicher Aufzeichnungen Gegenstand verschiedenster widersprüchlicher Theorien und Spekulationen.

Selbst die Besiedlungsgeschichte ist nicht sicher geklärt. In den rituellen Tanzshows, die man sich vor allem als TouristIn nicht entgehen lassen sollte, bekommt man die Legende des Hotu Matua erzählt.

Ich versuche, der Geschichte zu folgen. Keine einfach Aufgabe. Ich bin noch mit der Verdauung des vorangehenden Essens, das traditionsgemäß unter der Erde im Lavagestein erhitzt wurde, beschäftigt und bemühe mich nebenher, angesichts der nackten, mit Tonerde bemalten männlichen Astralkörper nicht in Ohnmacht zu fallen.

Zurück zu Hotu Matua, einem polynesischen Häuptling, der im 14. Jahrhundert mit 200 Mann auf der Insel gelandet sein soll. Seine Söhne gelten als die Gründerväter der unterschiedlichen Stämme, die sich auf Rapa Nui angesiedelt haben.

Aus ihnen ging jene Hochkultur mit den uns bekannten, riesigen Steinstatuen, den Moai-Figuren hervor. Man geht davon aus, dass sich jedes von einer Großfamilie bewohnte Dorf eine eigene Zeremonialanlage – ein sogenanntes Ahu – hingestellt hat. Das Ahu verbindet Diesseits und Jenseits, wobei die dort befindlichen Moai wahrscheinlich verehrungswürdige Ahnen darstellen.

Die Kolosse wurden aus dem Vulkangestein der Insel geschlagen, wie sie aber transportiert und aufgestellt wurden, ist noch nicht sicher geklärt. Fragt man die Rapa Nui selbst, bekommt man „Mana“ (spirituelle Kraft) als Antwort. Manche sagen, die Moai seien des Nächtens selbst zu ihren Ahus gelaufen. Irgendwie kann ich es verstehen. Die Moais stehen unter dem himmel-blausten aller Himmel, es braucht noch nicht mal einen Sonnenauf- oder Untergang, um in einen spirituellen Gemütszustand zu verfallen.

Als die Insel an einem Ostersonntag (daher der Name) im 18. Jahrhundert von Europäern entdeckt wurde, konnte keiner der damaligen Bewohner bei der Geschichtsrekonstruktion behilflich sein. Von der alten Kultur war nicht mehr viel übrig, die meisten Moais waren – wohl aufgrund von Stammeskriegen – von ihren Podesten gestoßen, die einstmals dicht bewaldete Insel war kahl geschoren, auch die Bewohner selbst waren in keinem guten Zustand. Dahinter steckt entweder – auch darüber besteht Uneinigkeit – ein selbst verschuldeter Raubbau an der Natur (vielleicht wurde das ganze Holz der Palmenwälder für den Moai-Transport benötigt) oder eine Reihe von Umweltkatastrophen.

Die Europäer taten ihr Übriges, um die letzten Reste der Rapa Nui-Kultur auszulöschen. Sie brachten Zwangsarbeit, Ratten und Krankheiten. Katholische Missionare (die schon wieder…) sorgten für die Zerstörung der Schrifttafeln (heute gibt es gerade noch 20-25 Stück davon, alle bis dato nicht entziffert).

Später haben sich die Chilenen Rapa Nui als militärisch wichtigen Stützpunkt ausgesucht und annektiert. Die Einwohner durften bis Mitte der sechziger Jahre ihre Insel nicht verlassen, Hanga Roa, der Hauptort, war eingezäunt und konnte nur mit Erlaubnis verlassen werden.

Noch heute steht man mit der chilenischen Regierung auf Kriegsfuß. Die letzten blutigen Auseinandersetzungen gab es vor gerade mal ein paar Jahren, als ein Konsortium (mit deutscher Beteiligung) ein Öko-(ausgerechnet)-Hotel auf einem Stück Land gebaut hat, das die Rapa Nui für sich postulieren. Wilde Protestschilder stehen noch immer da – direkt vor dem Luxushotel.

Dafür, das man nicht wirklich etwas gesichert weiß, wird die eigene Kultur heutzutage sehr ernst genommen. Innerhalb einer Woche werde ich mehrmals von einem Ahu verscheucht. Für mich hat dieser Haufen Steine nach allem ausgesehen. Nur nicht nach einem heiligen Ort. Schon mal was von Schildern gehört? Ich bin ein bisschen beleidigt. Aber vielleicht liegt es auch daran, dass sie mich für eine Chilenin gehalten haben. Davon ziehen immer mehr auf die Insel – was nicht überall gern gesehen ist.

Und doch weht ein richtig cooler Vibe über die Insel, der für die geographische und lange Zeit auch politische Abgeschiedenheit echt erstaunlich ist. Ich könnte auch noch eine Woche länger bleiben.

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