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Französisch-Polynesien – Das Finale

Mrz 7, 2017

Authentischstes Klischee

Es ist unmöglich, über Französisch-Polynesien zu schreiben, ohne etwas über die Blüten zu sagen. Die Blüte der Nation, die weiße Tiare, ist wirklich omnipräsent. Wer den Ankunftsbereich des Flughafen betritt, meint sich in einen Blumenladen verlaufen zu haben, die Luft ist erfüllt vom intensiven Geruch der Blumenkränze, die man bei der Anreise um den Hals gehängt bekommt. Den Locals dient die Tiare als Kopfschmuck mit Informationsgehalt: Verheiratete stecken sie sich hinter das linke Ohr, die anderen hinter das rechte.

Unnötigste Erfahrung

Dass mir das Telefon aus der Hand flutscht, während ich es beim Fotografieren über ein Brückengeländer oder aus dem Fenster eines fahrenden Zuges halte – damit habe ich gerechnet. Aber nicht damit, es ins Wasser fallen zu lassen. Wo ich mich doch extra mit diesem ultraleichten und -schicken wasserdichten Hightech-Beutel (einer von Toppits hätte es auch getan) ausgestattet hatte. Ausgerechnet das eine Mal, als ich das Ding nicht bei mir habe, passiert es. Ausgerechnet am Anfang des Polynesien-Aufenthalts. Wo sich die schönsten Fotos machen ließen. Wo es keine Möglichkeit zur Reparatur gibt. Nun übe ich mich in der totalen sozialen (na gut, es gibt schon noch die ein oder andere leibhaftige Begegnung) und technischen Isolation. Keine Uhr, kein Wecker, kein Reiseführer zur Hand, keine Fotos, kein Instagram, kein WhatsApp, keine Telefonate. Vielleicht am schlimmsten: Kein Online-Banking. Wenigstens sind die Wege auf den Inseln weder weit noch verzweigt. Ansonsten wäre ich ohne mein Kartenmaterial hoffnungslos verloren. Und zum Glück wurden mir vor der Abreise Notizblock und Stift aufgedrängt, was ich damals mit einem verächtlichem „Pah, wer braucht sowas heute noch“ kommentiert habe. Ich lebe seit drei Wochen „ohne“. Noch immer fühlt es sich an, als würde mir ein Körperteil fehlen.

Die drei größten Fragezeichen

Wie kommt auf einer von gerade mal drei Familien bewohnten Insel ein halbwegs gesunder Genpool zu Stande?Dass Kinder auf andere Inseln wechseln, wenn sie eine weiterführende Schule besuchen, kann nicht die Lösung sein. Auch die Durchmischung mit den allgegenwärtigen Franzosen lasse ich nicht gelten. Ich jedenfalls habe diese Art von Konstellation kaum zu Gesicht bekommen. Der Inzest wird ja wohl schon vor dem Einfall der Franzosen und der Einführung des Schulsystems ein Thema gewesen sein. Evolutionsbiologe müsste man sein.

Ist die Abhängigkeit von Frankreich gut oder schlecht? Man könnte meinen, Französisch-Polynesien ist ein künstlich beatmeter Patient. Mit dem Gang in den Supermarkt offenbart sich die totale Abhängigkeit von Frankreich. Das Allermeiste ist französische Importware. Selbst die Butter kommt aus der Normandie (dafür ist sie bis 2018 haltbar). Es gibt zwar separatistische Bewegungen, zugleich weiß man aber auch, dass ein Überleben ohne die gewaltigen französischen Subventionen unmöglich wäre. Dieser Zwiespalt bestimmt auch die Diskussion um die jahrelangen Atomtests auf dem Mururoa-Atoll. Lange hat man sich von Frankreich nur zu gerne vorgaukeln lassen, die Tests seien sicher. Immerhin waren Arbeitsplätze und Wohlstand damit verbunden. (Am Ende hat es natürlich doch radioaktives Material auf bewohnte Inseln geregnet – womit die französische Regierung skandalöserweise von Anfang an gerechnet hatte.)

Warum schaffen es die Polynesier nicht, sich selbst etwas aufzubauen? Warum – sorry für die Verallgemeinerung – stehen sie schon vormittags besoffen vor dem Minimarkt oder geben sich mit minderen Arbeiten ab? Im Tourismussektor liegt das, was nicht gerade zu internationalen Hotelketten gehört, in französischer Hand. Die meisten Unterkünfte, Veranstalter und Lokale (selbst die schäbigsten Straßenimbisse) werden von Franzosen geführt. Von denen übrigens keiner den Eindruck macht – nochmal sorry, dieses Mal für die Unterstellung –, in seiner Heimat zu den Machern zu gehören. Der Polynesier darf putzen. Auch der Verwaltungsapparat wird mit Frankreich-Importen besetzt. Angeblich liegt es daran, dass man nur in Frankreich (schon wieder…) eine gute Ausbildung bekommt (seit wann braucht es das für eine simple Imbissbude?). Was wiederum mit der Heimat- und Familienverbundenheit der Polynesier kollidiert. Wie intensiv die Familienbande ist, drückt sich paradoxerweise in der extrem hohen Adoptionsrate aus: Sind die leiblichen Eltern mit ihren Kindern überfordert, werden die Kinder kurzerhand an andere Familienmitglieder oder enge Freunde weiter gereicht.

Liebstes Essen

Das, was ich liebe, gibt es im Überfluss: Kokos und Vanille. Allerdings zwingt mich mein Überlebenswille dazu, Zugeständnisse zu machen: Ich gebe meine Fischabstinenz für drei Wochen auf. Ohne Fisch geht hier nämlich gar nichts: Poisson Cru (mit Limettensaft gebeizter und dann in Kokosmilch angemachter roher Thunfisch), Fischcarpaccio, Fischterrine, Mahi Mahi (Goldmakrele) mit einer irrsinnig üppigen Vanille- oder Kokossauce (in der mitunter ein heißer Lavastein schwimmt).

Dazu Kokosbrot und Uru Uru – zu Deutsch: Brotfrucht. Sie sieht von außen aus wie eine Mischung aus Pomelo und Jackfruit, schmeckt wie eine Mischung aus Süßkartoffeln und Maronen. Dass die Brotfrucht ein preisgünstiges Nahrungsmittel ist, haben schon die Engländer zu Kolonialzeiten mitgekriegt – sie wollten ihre Sklaven auf den Antillen damit versorgen. Und so sollten auf der „Bounty“ Brotfrucht-Stecklinge von Tahiti zu den Antillen transportiert werden. Die Matrosen allerdings hielten das Trinkwasser zu kostbar für die Bewässerung der Stecklinge. Ein weiterer Treiber für die Übellaunigkeit muss die Sehnsucht nach den Tahitianerinnen gewesen sein. All das mündete in die allseits bekannte Meuterei auf der Bounty.

Für mich wiederum gibt es keinen Grund zu meutern. Das Essen ist bis zum Finale aus Kokos- und Vanilleeis ganz nach meinem Geschmack. Eis geht sowieso immer. Egal wie voll man ist. Mit meinem guten Appetit schinde ich tatsächlich Eindruck. Ich höre, wie sich meine mehr als üppig ausgestattete polynesische Gastgeberin mit ihrer Freundin über mich unterhält. Sie quittiert die Tatsache, dass ich alleine reise, nicht ohne Anerkennung in der Stimme mit: „Mais elle mange bien“ („Aber ordentlich essen tut sie schon.“). Ich weiß zwar nicht, was das eine mit dem anderen zu tun hat, aber ich fühle mich in der insularen Gesellschaft angekommen.

Schönste Inseln

Auch wenn Französisch-Polynesien für eine Klientel gemacht ist, die ihre Luxus-Bude maximal für den Gang ins Wasser oder den Lagunen-Cruise verlässt… Auch wenn das Angebot für Menschen wie mich, die in Ermangelung eines Überwasser-Bungalows mal was Nettes zum Abhängen suchen, mager ist… Auch wenn man die Infrastruktur als beinahe schäbig bezeichnen möchte…

So kann ich mich doch kaum entscheiden, welche der Inseln mir die liebste ist. Maupiti hat eine unglaubliche Lagune und besticht durch familiären Charakter. Die Bewohner haben sich bei einer Abstimmung (das nenne ich mal fortschrittlich) gegen den Bau von Hotelanlagen  entschieden, so dass sich dort nicht mehr als 21 Pensionen befinden.

Sich beim Flughafen- oder Bordpersonal nach der Seite mit dem besten Inselblick für den Landeanflug zu erkundigen, ist hoffnungslos. Jeder sagt was anderes. Jetzt, wo es nach Bora-Bora geht, will ich nichts anbrennen lassen. Ich frage direkt den Piloten. Der nimmt mich glatt mit ins Cockpit. Was ich dann sehe, haut mich echt um. Eine kurze Irritation erreicht mich lediglich, als ich realisiere: Auf Bora-Bora leben die mit Abstand unfreundlichsten Menschen. Spätestens jedoch, wenn man durch die Lagune schippert, hat man das schon wieder vergessen. Die Sonneneinstrahlung wechselt ständig, das grün-blaue Farbenspiel mit ihr. Gleich am Anfang schwimmt eine Schildkröte an uns vorbei, später bekomme ich sogar einen Wal zu Gesicht. Obwohl die Saison dafür eigentlich vorbei ist. Ich kann mein Glück gar nicht fassen.

Die Marienbild-Maler müssen einst auf Tikehau gewesen sein und von dort die Sonnenuntergänge abgepaust haben. Ich gehe zum Strand, einen Schritt ins Wasser, um von dort das Himmelsspektakel anzuschauen. Und entdecke plötzlich, keine zwei Meter von mir entfernt, ein, zwei – nein – drei aus dem Wasser ragende Spitzen Kreise drehen. Haie! OH MEIN GOTT! Was ich nicht wissen kann: Es handelt sich um meist ungefährliche Exemplare des Schwarzspitzenhais, der in sehr flachem Wasser lebt und hier schon beinahe Haustiercharakter hat. Ich bin trotzdem so geschockt, dass ich nicht mehr ins Wasser gehe. Nicht ins flache jedenfalls. Dafür überwinde ich meine klaustrophobischen Anwandlungen, denn es soll frevlerisch sein, dieses Tauch- und SchorchEldorado ohne einen Tauchgang wieder zu verlassen. Ich warte noch auf die Schmerzensgeldklage der Tauchlehrerin, deren Hand ich vor Verkrampfung fast zerquetscht habe; ich gebe aber zu, dass die absolut faszinierenden Unterwassererlebnisse nach einer Fortsetzung verlangen könnten.

Danach geht es mit dem Regen los. Auf Moorea bleibt das Blau des Wassers von dem trüben Wetter zum Glück weitestgehend unbeeindruckt. Schnorcheln geht also trotzdem. Man hüte sich nur davor, sich gegen die allgegenwärtigen Anemonen treiben zu lassen. Was für ein aggressives Gewächs. Die Pusteln an meinen Beinen zeugen auch zwei Wochen später davon.

Ebenfalls Regen auf Fakarava und Rangiroa. Fakarava, das eigentlich der krönende polynesische Abschluss sein sollte, wird aufgrund von Unwettern die nächsten Tage gar nicht angeflogen. Auch auf Rangiroa regnet es. Ich mache mich trotzdem täglich auf den Weg zum Pass zwischen Lagune und Meer. Dort sollen sich beinahe jeden Abend unzählige Delfine aufhalten und in den Wellen verlustieren. Mir zeigen sie sich nur einige wenige Male ganz kurz. Aber egal. Ich bin noch immer so geflasht vom Rest der Inseln, dass mir nichts die Laune verderben kann.

 

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