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Französisch-Polynesien – Das Paradies den Touris, das wahre Leben den Insulanern

Feb 25, 2017

Wo sind sie alle hin, die Gauguinschen Schönheiten? Sie sind doch nicht etwa einfach nur das Resultat Gauguinscher Schönfärberei? Schließlich hat sich Gauguin — seinerzeit schon enttäuscht von der Europäisierung Tahitis – die Südsee seiner Träume kurzerhand zurecht gemalt.

Eine gewisse Enttäuschung kann auch ich nicht verhehlen. Der Anteil der schwerst übergewichtigen Polynesier/-innen muss sich auf die hundert Prozent zubewegen. Zuerst denke ich noch, dem Trend könnte ein bestimmtes Schönheitsideal zu Grunde liegen.

Die Métropolitains oder die „Popas“ – so nennt man mehr oder weniger geringschätzig die hier lebenden Franzosen – sagen etwas anderes. Es wird schlicht so viel und so schlecht gegessen. Dass mit der Ernährung einiges im Argen liegt, kann ich tatsächlich selbst beobachten: Fünf Päckchen Süßstoff in einem kleinen Kaffee? Dazu der Dauerverzehr von Casse-Croûtes — das sind teilweise abenteuerlich kombinierte (wie ein halbes Baguette belegt mit asiatischen Bratnudeln) „kleine“ Snacks. Auch die von mir so geschätzte Kokosnuss, unerlässlicher Bestandteil der polynesischen Küche, ist alles andere als ein diätisches Lebensmittel.

Zu allem Übel tendiert die Inselküche zur Einseitigkeit, so dass mir nach drei Wochen Insellebens frisches Gemüse und auch Obst abgehen. Zur Verteidigung muss man sagen: Vielerorts gibt es neben der Fischerei nicht viel mehr als den Kokosnussanbau. Der Nahrungsmittel- und auch sonstige Bedarf  wird mit Versorgungsschiffen gedeckt, die meist einmal die Woche anlegen und die bestellten Einkäufe aus Papeete liefern. Bei schlechtem Wetter oder im Falle einer Reparatur kann das Schiff auch mal für mehrere Wochen ausfallen, was zu ernsthaften Engpässen führt. In den wenigen Tante-Emma-Läden findet man logischerweise mehr Dosen- als frisches Gemüse.

Woran es überhaupt nicht mangelt, ist Bier. Ausnahme: Sonntag Nachmittag. Da gibt es einen Bierverkaufsstopp. Aufgrund des enormen Alkoholproblems kann man sich sonntags nur (ab) vormittags volllaufen lassen. (Das verstehe, wer will.)

Der Alkoholismus offenbart: Das Leben für die Einheimischen stellt sich nicht ganz so paradiesisch dar wie das der Urlauber. Es gibt eben einfach nicht wirklich was zu tun in der Abgeschiedenheit, in der räumlichen Enge und bei bei einer Arbeitslosenquote von 21,8% (im Jahr 2012). Die Folge ist eine hohe Rate an häuslicher Gewalt und Autounfällen. Was angesichts der Tatsache, dass so manche Insel über gerade mal eine einzige Straße von überschaubarer Länge verfügt, absurd ist.

Vielleicht ist die Langeweile auch ein Grund, weshalb es hier von Kirchen nur so wimmelt. Auf jeder noch so kleinen Insel mit ein paar Hundert Einwohnern wird man mindestens drei bis vier Kirchen finden. Katholiken, Protestanten, Zeugen Jehovas, Mormonen, Siebenten-Tags-Adventisten – alles ist hier vertreten und wird auch ernst genommen. Man legt nicht besonders viel Wert auf sein Äußeres, wenn aber plötzlich alle ihr bestes Kleid hervor gekramt haben, weiß man: Es ist Sonntag und Zeit für den Kirchgang. Hilfreich für jene, die – wie ich – den Sinn für die Zeit verloren haben.

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